Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 248)
- Language
- German
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210 verdiente, ja vielleicht irgend eine Belehrung aus dem Munde von Leuten empfangen, die zu belehren und aufzuklären doch als unsere vornehmste Lebensaufgabe angesehen wird! Da ist vor allen ein eisgrauer alter Mann, der im Lehnstuhl sitzt und Rebb Feiwel »Buchhalter« heißt, aus den wir besonders unser Augen- und Ohrenmerk richten muffen. Er ist beinahe sünsundachtzig Jahre alt und genießt in diesem Kreise eines an Verehrung grenzenden Ansehens. Wenn Rebb Feiwel Buchhalter spricht, schweigt Alles und die Fliegen an der Wand werden still. Namentlich seine politische Weisheit wird bewundert; darin ist er die erste Quelle, woraus Jeder, der nach einem klaren Trünke der Aufklärung dürstet, zu jeder Stunde des Tages schöpfen kann. Er hat nämlich die Erfahrungen einer langen Vergangenheit für sich, die doch auch bei so manchem allmächtigen Minister die Stelle der »Staatsweisheit« vertreten soll. Er hat sämmtliche französische Kriege, von dem ersten Ausbruche des Gewittersturmes bis zu dessen fürchterlichem Verhallen auf der Ebene von Waterloo — am Schreibtisch mit der Feder in der Hand durchgelebt; ja in Schönbrunn war es ihm »Anno Neun« gelungen, den großen »Napilion«, wie er ihn aller Orthographie zu Trotz nennt, beinahe an sich vorüberreiten zu sehen; aber um dieses »Beinahe« lag wie um eine egyptische Pyramide der volle Zauber des Geschichtlichen — fünfzig lange Jahre waren nicht vermögend gewesen, ihm in der lleberzeugung der »Gaffe« den kleinsten Abbruch zu thun! »Was ist von jeher meine Red' gewesen?« sagt er unter allgemeiner Stille, während seine grauen, staarblinden Augen vor sich Hinstarren, »es soll Einer ausstehen und behaupten, ich hätt' das nicht vor der längsten Zeit gesagt, daß der Napilion die Welt nicht in Ruh' läßt. Wenn der sich etwas in den Kopf setzt, in seinen eisernen Kopf, dann soll Einer aufstchen und ihm das herausbringen. Meinen Napilion kenne ich zu gut dafür.« i