Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 285)
- Language
- German
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241 seinem eigenen Innern war der fürchterliche Ruf gekommen; sein böses Gewissen hatte Sprache erhalten, und nun schien es, als ob die leblosen Geschöpfe der Natur nur von dem wiederhallten, was in seiner eigenen Seele vorging. Umsonst hastete er jetzt seinen Schritt; die Bäume rückten zusammen, berührten sich mit ihren Wipfeln und wollten ihm keinen Durchgang gönnen. Stimmen, die von rechts und links, von oben und unten ertönten, forderten ihn auf, sich erst von seiner Schuld zu reinigen, ehe er sieb wieder unter Menschen blicken ließe. Nicht nur »Mädchenentführer,« auch andere in der öffentlichen Moral schwer wiegende Scheltworte, wie »Erbschleicher«, »Egoist« flogen ihm um die Ohren. Namentlich das letzte drang mit unwiderstehlicher Wahrheit auf ihn ein. Lazar Winterfeld's Geld, die reiche Partie war es gewesen, die ihn verblendet und seinem alten Wesen untreu gemacht hatte. Wenn nie, so hatten die Leute diesmal Recht, über einen Menschen den Stab zu brechen; über ihn mußte die Welt ein dreimaliges »Wehe« schreien. Denn so etwas werde noch niemals, seit die Welt steht, erhört worden sein, daß ein Lehrer, der doch seinem Namen nach Moral und Sittlichkeit lehren und ein glänzendes Vorbild darin Allen voranleuchten sollte, daß ein Julius Arnsteiner, gegen den selbst die schwärzeste Scheelsucht und die niedrigste Verkleinerungslust keinen Schatten einer Schuld aufzuweisen vermochte, nun doch in den Verdacht gerieth, ein junges Mädchen berückt und einiger tausend Gulden wegen dem väterlichen Hause abtrünnig gemacht zu haben. Pfui über Julius Arnsteiner! wenn er erst in seinem sechsunddreißigstcn Lebensjahre jenen Grundsätzen untreu wurde, die er während einer sechzehnjährigen Thätigkeit als Lehrer keinen Augenblick verläugnet hatte. Eines starrtejetzt den unglücklichenArnsteiner mit hohlen, grauenhaften Augen an, die Aussicht nicht mehr Lehrer sein zu können! Wer wird ihm seine Kinder anvertrauen? Wer läßt von einem Menschen Jahrb. f. Jsr 1859. 16