Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 246)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-2609290--3906-2611252- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 eine Flaumfeder anzusehen, die man, sobald sie abgestreist, zu den andern legt, still, innerlich zwar bewegt, aber nach außen ohne viel Aussehens und Geltendmachung. So hatte die Federschleißerin nach ihrer Art zu dem seltsamen Thun ihrer Tochter geschwiegen, wiewohl sie sich ununterbrochen ihre Gedanken darüber machte. Ein kleines Häuschen Federn lag noch vor ihr; wahrscheinlich mußte sie erst mit ihnen »fertig« werden, ehe sie ihren Mund öffnen wollte. Endlich war das Werk zu Ende gediehen, sie stand auf. Halb vor sich hin, halb zu der Tochter gewendet, meinte sie: »Nun, aus mich kommt's nicht an, wenn Herr Arnsteiner nicht heute schon Hochzeit macht. Seine Federn find fix und fertig.« Mit einem Male ward der ganze Zauber des alten Kastens zerstört, und gerade als auch Sali mit dem Aufräumen und Zustandebringen des gewissen Stübchens fertig geworden war. Trotzdem war sie sogleich mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit; sie hatte sich nicht lange zu besinnen, daß der alte Kasten nur in ihrem eigenen Stübchen stand. »Lebendiger Gott!« rief sie erschrocken, »ich bin da gesessen, als wäre ich Lazar Winterfeld's Tochter, die nichts zu thun hat, ich weiß gar nicht, was mir eingefallen ist.« Die Federschleißerin sah mit ihren weltklugen Augen eine geraume Weile auf das Mädchen. »Fehlt Dir was?« fragte sie. »Mir soll was fehlen?« lachte Sali überlaut. »Seh' ich denn so schlecht aus?« »Es gibt Leute,« sagte die Federschleißerin in ihrer gewohnten Spruchweisheit, ohne sich beirren zu lassen, »die sehen mit ihrem Munde besser, als andere mit ihren zwei Augen.«