Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 216)
- Language
- German
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172 bringen suchen, und doch blühet noch hier und da das alte schlechtbewährte System der Winkelschulen, in denen Ignoranz und Jntolleranz von ignoranten und intolleranten Lehrern gepredigt wird, sei's, daß noch Biele nicht erleuchtet genug sind, das Verderbliche dieser Unterrichts- und Erziehungsweise, die Begriffsverwirrung und lleberladung, welche Talmudstudien in jugendlichen, unreifen Geistern Hervorbringen müssen, einsehen — sei's, daß die Zahl der öffentlichen Schulen dem wachsenden Bedürfnisse nicht hinreichen und die Chedurim als schlechte Surrogate an ihre Stelle treten, wie ungefähr die Talmud-Toras, diese Ruine der Vergangenheit, die Stelle der Waisenhäuser einnehmen. Noch macht sich im Gotteshaus der alte Modus breit, — laute, lärmende Beter, die alle Tonarten zur Illustration ihrer Gebete benützen: die Quadrillenmelodie der Franzosen, die Walzerröne der Deutschen, das Klagelied der Zigeuner und die wehmuthsvollen Weisen der Kosaken, — noch fehlt hier die feierliche Stille, die ruhige Andacht, der ergreifende Lempelgesang, — noch fehlt das zum Herzen dringende Wort, der Trost, die Ermahnung, die Aneiferung und die Verheißung, die sonst der Kanzel entfließen. Noch klebt man mit allen Fasern an der Vergangenheit, als ob sie unfehlbar gewesen wäre, und man traut sich nicht recht von der Scholle. Kleine Bethäuser, Colonien für fromme oder frömmelnde Klausner, die das Gotteshaus zur Menschenwohnung machen, d'rin bei Tag und bei Nacht leben, wachsen überall aus der Erde, vom alten Systeme erbauet und geleitet; aber nirgends (mit alleiniger Ausnahme von Czernowitz, wo in jüngster Zeit der Bau eines zeitgemäßen Gotteshauses beschlossen wurde) ein Tempel, ein rechtes und echtes Haus, wohin ein wahrhaft frommes Gemüth sich flüchten könnte, um Erbauung und Andacht in der weihevollen Stille eines geregelten und geläuterten Gottesdienstes zu finden. Statt dem Fortschritt ein großes Monument zu erbauen, setzt man der Vergangenheit viele kleine