Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 175)
- Language
- German
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vor dessen Weisheit man im Staube kriecht, zu dem man wallfahrtet wie zu jenem Manne in Mescritsch, der Lahme heilt und Blinden die Sehkraft gibt durch die Macht des Gebetes! Als Mendel nun die Drusche geendet, da wollte der Jubel nicht aufhören, der die Stube erschütterte, und Küsse regnete» auf ihn von welken und frischen Lippen. Von diesem Augenblicke an lebt der Knabe ausschließlich dem Bibelstudium. Jede andere Beschäftigung, jede andere Verwendung, jede Zerstreuung, die Spiele und der Frohsinn der Jugend, Alles was das Herz erfreuet und den Körper kräftigt, ist aus seinem tobten Leben gebannt. Die einzige Nahrung, die seinem Geiste gereicht wird, ist die Bibel, er muß an ihrem Urtexte kauen und wieder kauen und jahrelang einzig dabei ausdaucrn. Später, wenn der Knabe um einige Jahre älter geworden, wird er auf die Labyrinthwege des Talmuds geführt, der Lehrer leitet ihn am Ariadnefaden, er führt ihn durch die Katakomben der Vergangenheit, in die unsere Vorfahren ihre Vorurtheile, ihren Aberglauben, mumiesirt für spätere Jahrhunderte, eingesargt haben. Er jagt ihn durch Gebiete, die dem jugendlichen Verstände besser noch geschlossen blieben, er offenbart ihm Dinge, die einem reifem Älter gehören, und treibt den noch zarten Geist zu Spitzfindigkeiten, auf deren Höhe es ihm schwindelt. Denselben Weg, den alle übrigen Kinder bigotter Eltern gehen müssen, keuchte auch Mendele rast- und athemlos hinan. Hinter ihm trieb der Lehrer, den Folianten in der einen, die Ruthe in der andern Hand; der Vater trieb, die Verwandten trieben und der Junge wurde durch all' die voluminösen Bücher gehetzt, die nur ein ruhiger klarer Geist, ein scharfer Verstand zum Mußestudium machen sollte. Dies unkluge Erzichungs- und Bildungssystem mordet die Zukunft des Knaben, der seine besten Jahre bei einem Studium verlebt, das er in das practische Leben nicht mitnehmen