Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 94)
- Language
- German
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50 Verweilen wir daher in der Betrachtung dieses höchst lehrreichen und anziehenden, classischen Zeitalters der jüdischen Pädagogik: »Mann! unsere Kinder hungern!« ruft jammernd da ein Weib. »Noch wachsen Kräuter auf dem Felde,« ruft der Gatte zurück, und eilt von dannen. Dort rennt ein Mann die Straß' entlang, schon ist der Mantel ihm entgleitet, nicht nimmt er sich Zeit ihn auszuheben. Hier keucht ein Dritter, sein Söhnlein in den Armen; das Tuch am Haupte flattert lose, weil er in eilender Hast es zu falten vergeffen. Was treibt und drängt diese Männer alle? Lehrer sind es, die unterrichten gehen, Väter, die ihre Kinder zur Schule bringen, und diese ihre größte Sorge läßt sie alle anderen vergeffen. Seit zwölf Jahren hatte jener Mann sich es nicht gegönnt, seinen eigenen Garten zu besuchen, und auch heute winken die Zweige ihm vergeblich, lächeln vergeblich die farbigen Blumen. Es duldet ihn nicht hier, denn sein Sinn weilet in einer andern Pflanzstätte, wo holdere Blumen blühen. Es ist R Juda b.Schileth, der Schullehrer, der von eigenen geringen Mitteln zehrt, und keine höhern Lebensfreuden kennt, als junge Seelen für den Himmel zu gewinnen. Dem dort mundet kein Morgenbrot, er hätte denn zuerst die geistige Nahrung seinem Zöglinge gereicht, dessen Fortschritt ihn selbst über den Verlust seines eigenen Sohnes tröstet, während sein herbster Schmerz ist, drei Tage in der Weinlese zugebracht zu haben, die er dem Weinberge des Herrn entzogen. Es ist Chija b. Ada, Hauslehrer des Simon b. Lakisch. Dafür aber erachteten die Hochpriester und später die Patriarchen eine geregelte Schulordnung für keinen Bruch mit dem Glauben, wie die Rabbiner des vorigen Jahrhunderts; auch hielten sie nicht alle Pädagogik für eitel Pedanterie und kleinlich Wesen, daß sie blos Ehren halber und aus purem Mitleiden zuweilen einen matten Blick, wie ein Almosen in den »Schülkarren« hätten werfen sollen,