Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 300 (sequence 341)
- Language
- German
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300 den sein eigener Sohn führt, und endlich die kleine Lerche für sich sprechen, die sich in seinem Felde heimisch fühlt. Daß es aber anders sein könne, daran denkt er nicht! Feiwel Dauer ohne Acker und Dorf! ohne Manchesterjacke und Lederhosen! mit einem Hasenhäutchen auf dem Rücken durch die Dörfer hausiren gehend, er, der stolze, reckenhafte Bauer! Sagt ihm doch das, die ihr ihm die eigene Scholle mißgönnt, es wäre nicht unmöglich, daß eine solche Figur wieder aus ihm werden könnte. Er wird euch nicht auslachen, er wird es einfach nicht glauben, denn er ist eben kein »politischer« Kopf. Kann man wohl einemMenschenArmeund Beine abhauen, und ihm dann zurufen: »Jetzt geh', und hebe einen Sack Getreide auf! springe und tanze.« Einen ähnlichen Gedanken vermöchte vielleicht Feiwel Bauer zu denken, vielleicht auch nicht. Es ist besser, wenn er überhaupt nicht zu denken hat! II. Ein Brief. Unter einem Kirschenbaum, der fast bis zum Boden seine fruchtbeladenen Aeste herabgesenkt hatte, saß auf einer Bank eine stattliche Frau, in halb städtischer, halb bäuerlicher Kleidung. Sie hielt in ihrer Hand einen Brief, und schien darin eifrig zu lesen. Oben in den Zweigen über ihrem Haupte krachte es zuweilen, zuweilen kollerte auch eine rothwangige Kirsche zu ihren Füßen nieder, was sie eben im Lesen nicht sonderlich zu stören schien. Mehr thaten es die glitzernden Sonnenstrahlen, die wie aufgelöste goldene Fäden über ihr Antlitz und das Papier fielen. Sie rieb sich öfters die Augen, rückte denBricf näher an sie, aber es schien eben nicht, als förderte sie dies in dem schwierigen Geschäfte. Verdrießlich