Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 276 (sequence 320)
- Language
- German
- Belongs to
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•2 76 nicht zum Muster dienen. Denn Boz genießt den von seinem Verdienst unabhängigen Vortheil, daß in seinem Lande jedes sicht- und greifbare, mit einem Wort wirkliche Ding, vom verrosteten Nagel im Kehricht bis zum eben vollendeten Dreimaster, der vom Stapel gelassen wird, ein sprechendes Zeugniß für die ungeheure nationale Gesammtarbeit des britischen Volkes ist, auf welcher die historische und politische Weltgröße Englands beruht. Es tragt somit dort alles was wirklich ist, schon von selbst ein poetisches Interesse in sich, durch die erhabene Beziehung zu einer großen, in sich einigen und mächtigen Gesammtheit! In Deutschland, wo sich ein gleich imponirender Eindruck, eine gleich erhabene Beziehung durchaus nicht aus der practischen Realität, sondern eher aus dem Gegentheil, aus dem philosophisch-speculativen ergibt, wie sollte da den blos wirklichen Dingen ein poetisches Interesse entnommen werden? Eingestehen, daß daher jene Forderung an die Literatur, das deutsche Volk bei seiner Arbeit aufzusuchen, eine unfruchtbare Phrase ist, die Voraussetzung eines Zustandes, der vielleicht das Resultat der künftigen deutschen Geschichte ist, jetzt aber nur trügerischer Weise als Thatsache angenommen werden kann, fähig, die Grundlage einer neuen Literatur zu bieten — ein solches Eingeständniß wäre für Herrn Freitag nichts Geringeres als ein an seinem Herrn und Meister in Leipzig verübter Todtschlag gewesen. Andererseits wäre dem Verfasser des Romans der Neuzeit nichts übrig geblieben, um das Wort des Propheten zu bewahrheiten, als einen Menschen zum Helden zu erkiesen, der nichts weiter thut, als den ganzen Tag schreiben, denn das wäre allerdings — das deutsche Volk bei seiner Arbeit gewesen. Da dies nichts zu erzählen gegeben hätte, so war die Verlegenheit keine geringe, was mit der gewählten Wirklichkeit, nämlich mit dem Inhalte der Breslauer Waaren-Magazine anzufangen wäre. Ein anderer Romanschreiber, dem die Romantik keine verbotene Frucht ist, hätte es bequem gehabt.