Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 297 (sequence 300)
- Language
- German
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297 Frauen, mit großen Schlüsselbunden in der Hand. Oft hüpften Kinder an ihr vorüber, die ihren Eltern entgegeneilten; das schnitt ihr bitter durchs Herz. Das einzige Kind, das sie besaß, wo war es jetzt? wo dachte es seiner Mutter? Es war spät in der Nacht, als Hindel auf ihrer Wanderung in eine ihr unbekannte, menschenleere Gasse gelangt war, die ste bis dabin nicht durchstrichen batte. Sie mochte nicht fern von der Moldau sieb befinden, denn ste hörte ganz deutlich das Wasser ranftben. Hindel fürchtete sich; ein Grauen überfiel ste, als sie die verlassene, Lodöde Gegend näher betrachtete. Alle Häuser und Fensterläden waren dicht verschlossen; es batte, wenn sie Jemand angefallen, keine Hand sich gerührt, um ihr zu Hilfe zu kommen. Hindel wandte sich entsetzt um, und floh nach der entgegengesetzten Richtung, wo ste die Moldau nicht vermnthete; denn besonders das Rauschen des Wassers war ihr schrecklich. Außer Atbem war sie in die »Zigeunergasse« gekommen. In demselben Augenblicke huschte an ihr ein Mädchen vorüber. »List, um Gotteswillen, bistDu's?« schne sie. Das Mädchen drehte sich um. Es war wirklich List. »Madame Hindel!« rief sie mit gellender Stimme. Hindel fuhr sich aber mit der Hand nach den Augen. Sie fühlte einen heftig stechenden Schmerz darin; aber es waren nur Thränen, die zum ersten Male seit langer, langer Zeit mit Gewalt hervorbraehen, und nun, da das Siegel, das darauf gelegen, gebrochen war, unaufhaltsam strömten. Hindel vermochte kein Wort hervvrzubringen. »Madame Hindel, Sie weinen?« rief das Mädchen, dem um diesen Augenblick die dunkle Sage von der Thranenlosigkeit der reichen Frau eingefallen sein mochte. »Hätt'st Du das von Hindel Spitz erwartet?« sagte sie unter Schluchzen. »Dahin kommt man aber, wenn man Kinder hat.« List schaute die erschütterte Frau erschrocken an; ste glaubte, ihr Verstand habe gelitten. Hindel war auch in