Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 295 (sequence 298)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609284--2808-2610151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
295 gaffe* und von da in das kleine Gäßchen, das auf den »großen Ring* gegenüber dem Rathhause mündet. In dem Augenblicke, als sie heraustreten wollte, war es ihr wieder als sähe sie die Nähterm vor sich) es war ihr Kleid, ihre Haltung und Gestalt. Hindel hätte darauf schwören mögen, List sei es gewesen. Sie eilte ihr nach, rief sie beim Namen, aber eine starke Menschenwelle drängte sich zwischen sic und das Mädchen. Als es wieder freier um sie wurde, war die Erscheinung verschwunden. Hindel hielt sich auch diesmal für überzeugt, daß sic recht gesehen, daß es aber doch unmöglich Lisi, die Nähterin, gewesen sein konnte. In einer so großen Stadt, meinte sie, begegne man vielen Menschen, die eine merkwürdige Aehnlichkeit mit Leuten »zu Hause« haben, und doch seien sie es nicht. Zudem, was hatte Lisi in Prag zu thun? Hatre sie Geld zu einer solchen Reise? Hindel schlug sich die Begegnung wieder aus dem Sinn. Sie besann sich nun, daß sie in den Gewölbern der eigentlichen »Gaffe«, näinlich in der »goldenen« und in der »breiten« Gasse, noch nicht gewesen. Wie leicht konnte der unerfahrene Bärele hieher seine Schritte gelenkt und seine Einkäufe gemacht haben, wo sie freilich billiger kamen, aber die Maaren auch darnach sich richteten! Traurig schüttelte sie aber den Kopf; wozu gab sie sich solchen Hoffnungen hin? Wußte sie doch mit aller Bestimmtheit, daß ihr Bärele irgendwo saß — und spielte! Dennoch unternahm sie den Gang in die »goldene« Gasse. Für die an Wohlleben gewöhnte Frau war dieser Weg durch die spannweite, mit Trödel allerlei Art vollgestopfte Gaffe, aus der ihr rucht eben die angenehmsten Düste entgegenwehten, eine höllische Qual; ihr Athem ward beengt, sie mußte sich an eine Mauer halten. Freilich ward ihr in der »goldenen Gaffe« nicht so begegnet, als in jenen schrecklichen Kaufhallen, woher sie eben kam. Sie ward nicht gestoßen und geschoben; man verfuhr hier überhaupt höflicher mit ihr. Wenn sie sich an Jemanden wandte, so stand man ihr Frage und Antwort; die