Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 296)
- Language
- German
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Hindel ijatk noch aue frühester Zeit eine lebhafte Abneiqung gegen diesen Ort: sie konnte nicht ohne ein Gefühl von Grauen sich dahin begeben. Zu deutlich erinnerte sie sich der Scenen, die sie dort als ein junges Mädchen erlebt batte. Da waren Weiber und Männer, Mädchen und Knaben wie hungrige Haifische auf sie losgestürzt; der Eine hatte sie beim Arme, der Andere an der Schulter ergriffen, der Dritte hatte sogar ihr Kleid zerrissen. Dazu diese Stimmen ans allen Tonarten; es wirbelte und quirlte um sie her, als hätte Jemand mit einem Stocke in ein Wespennest gestochen. Sie hatte sich damals glücklich geschätzt, mit heiler Haut, gesund und unversehrt aus diesem schreckensvollen Orte entronnen zu lein. Das alles drängte sich jetzt mit unabweisbarer Gewalt vor ihre Seele. Gestern, als sie zur Polizei gegangen war, war ihr bei weitem nicht so zu Muth. Aber es erging ihr, wie es den meistert Leuten mit lebhafter Erinnerungsgabe ergeht; mit dem Erschauen der wirklichen Gefahr verliert sich ein großer Theil des bis dahin Gefürchteten. Damit soll nicht gesagt werden, daß Hindel wie durch einen Rosengarten cutf lauter duftenden Blättern spazierte, als sie endlich in jenen dunklen Hallen des »Tandelmarktes« angelangt war. Sie hatte genug auszustehen, mehr als die stattlich beleibte Frau zu ertragen glaubte. Wie ein lebloser Ballen wurde sie in dem dichten Gedränge von Käufern und Verkäufern hin- und hergeworfen; Einerschien sich mit dem Andern verabredet zu haben, die arme Frau zu narren und irrezuführen. Bei keinem Gewölbe ließ man sie zur Rede kommen, alle drängten und schrien auf sie ein; sie hätte tausend Ohren haben müssen, um Alles zu hören. Hatte sie Jemanden wirklich die -Frage vorgelegt, ob er oder sie (es waren meistens Frauen) nicht ihren Sohn gesehen hatte, und ihm die genaueste Personsbeschreibung vorgelegr, so wandte man sich gewöhnlich mit einer verächtlichen Miene von ihr ab. Sie mußte Worte und Redensarten hören, die ihr das Blut zu Kopfe drängten, die sie »zu Hause« nicht mit dieser stummen Entsagung hätte bingeben lassen. Hier