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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1855-01-01 · Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855) · p. Seite 290

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 290 (sequence 293)
Language
German
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Ä90 jetzt wieder ein, als sie an jener Kirche vorüberfuhr, und sonderbar — sie wußte nickt wie, auch ihr Sohn kam ihr damit in den Sinn, wie wenig Zusammenhang auch zwischen beiden bestand. In dem nahen Brandeis, das nur durch eine Brücke von Altbunzlau getrennt ist, wurden die Pferde gewechselt. In dem Augenblicke, als sie abfuhr, sah sie durch das Fenster kaum zehn Schritte vom Wagen ein Mädchen, das eine ganz außerordentliche Aehnlichkeit mit der Nähterin Lisi zu haben schien. Hindel wollte ihr Zurufen, aber das Peitschenknallen des Postillons und das Rasseln des Wagens übertönte ihre Stimme. War das wirklich Lisi gewesen? Wie sollte die jetzt Herkommen? Und doch hätte Hindel darauf schwören mögen, daß sie es war. Sie schlug sich aber diesen Gedanken als zu lächerlich, um ihm nachzuhängen, bald aus dem Sinne. Um drei Uhr Nachmittags sah sie die Hauptstadt Böhmens vor sich liegen, und fuhr durch das düstere »PorEer«-Thor ein. Sie ließ sich in die »drei Karpfen« führen, ein ihr noch aus ihren Jugendtagen bekanntes Einkehrhaus, das damals im Rufe fabelhafter Wohlfeilheit stand. Hindel hatte kein Auge für die schöne Straße, die seit ihrer Letzten Anwesenheit in Prag um jenen Gasthof herum entstanden war. Kaum Ln ihrem Zimmer angelangt, rüstete sie sich schon, matt und zerschlagen, wie sie von der schnellen Reise war, zu dem schweren Gange, um mitten in einer großen Stadt, mitten aus mehr als hunderttausend Menschen — ihren Sohn herauszufinden. Ihr erster Gang galt dem »Tracteur«, den sie durch Bärele hatte grüßen lassen; sie fand ihn Ln der That noch Ln dem engen Gäßchen zwischen dem »Dreibrnnnenplatze« und der »Geistgasse«; aber der Tracteur, der seitdem von dem Gelde aller böhmischen Landjuden reich und fett geworden war, erkannte sie nicht wieder, wie viele Erkennungszeichen sie ihm auch sonst an die Hand gab. Sie fragte ihn, ob ihm nicht ihr Sohn dm Gruß bestellt habe, dm sie ihm aufgetragen. Es war kein Sohn da gewesen, denn sie hatte vergessen, daß sie ihrem

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