Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 283 (sequence 286)
- Language
- German
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283 nicht gestattet; sic drückte auf die Thürklinke, und nachdem sie geklopft hatte, trat sie auf ein »Herein« rasch in die Wohnstube Hannele's. Was Hindel erwartet hatte, traf ein. Die Nähterin war allein in der Stube. »Madame Hindel!« rief die Nähterin, und sprang verwundert, entsetzt beinahe von dem Gebetbuche auf, Ln welchem sie gebetet hatte. Der Besuch einer Königin wäre List nicht so überraschend erschienen, als der der reichen Frau. »Madame Hindel!« rief sie daher noch einmal, und erröthete und erblaßte in demselben Augenblicke. »Mach' Dir keine Ungelegenheit, Lisi« sagte Hindel, als die Nähterin sich beeilte, ihr einen Sitz anzubieten, »ich setz' mich so nicht; aber danken möcht' ich Dir dafür, wenn Du mir ein gut Glas Wasser bringen möchtest.« Lisi eilte in die Küche hinaus. Während dem hatte Hindels erfinderischer Geist schnell die Ausrede gefunden, die ihrem Besuche den möglichsten Schein von Unbefangenheit geben konnte. Gleich darauf kam Lisi mit dem Glase Wasser auf einem spiegelblanken Teller — blank wie »Gold,« bemerkte im Stillen Hindel — und bot es mit den Worten an: »Wohl sott es Ihnen bekommen, Madame Hindel!« »Ich dank' Dir, mein Kind,« sagte Hindel gnädig und schlürfte das kühlende Getränk fast zur Hälfte aus. »Jetzt ist mir tausendmal besser,«sagte sie hierauf, »ich Hab' geglaubt, ich verschmacht in der Schul'«. Dann sah sie das schöne Mädchen, das m bescheidener Entfernung vor ihr stand, mit einem schnell prüfenden Blicke an, und meinte dann halb scherzend, halb ernst: »Lisi, Dir und deiner Stube sieht man's nicht an, daß Du für die Leut' nähst. Geht's Dir denn auch ganz gut? und bist Du zufrieden?« Zu arbeiten gebe es immer, entgegnete demüthig das Mädchen, und Gott habe sie noch nicht verlassen. Die Mutter verdiene hie und da auch etwas, und so brächten sie