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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1855-01-01 · Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855) · p. Seite 281

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 281 (sequence 284)
Language
German
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281 »Und auch kein Brief!« fuhr er fort. »Gott der Lebendige weiß was ihm zugestoßen ist. So ein junges Kind soll man in die Welt schicken!« »Das jungeKind ist vierundzwanztgJahre alt,« meinte Hindel mit spöttischem Tone, »in dem Alter bist Du schon mein Mann gewesen.« Hindel wollte wahrscheinlich durch diesen Ton die innere Angst überschreien; aber es ging nicht an. Beiden fehlte der Sohn, sie hatten ihn, seitdem sie ihn besaßen, nie vermißt. Es war vielleicht der erste wahre Schmerz, der in das Leben dieser in Glück und Reichthum sitzenden Leute trat, und Hindel war der leidendere Theil; denn sie mußte so wie den Vorwürfen ihres Mannes, noch mehr ihren eigenen Schweigen auferlegen. Dennoch ging sie am andern Morgen, nachdem sie eine schlaflose Nacht zugebracht, mit ruhigerem Gemüth zur »Schul.« Der Brief Bärele's konnte sich verspätet haben — was wußte er, der es noch nie zu einem Briefe gebracht hatte, davon, wie man so ein Schreiben auf die Post geben solle, damit es richtig und zur Zeit ankomme? Vielleicht war er zu spät gekommen, und die Post, die natürlich nicht wissen konnte, daß es eine Hindel Spitz in der Welt gab, die auf den Brief mit aller Sebnsucht wartete, hatte ihn für den andern Tag mitgenommen. Sie hatte den nämlichen Auftrag gegeben, den Brief alsogleich zum Schuster zu tragen, und ihr erbrochen in »Schul« zu bringen. Aber auch heute harrte sie vergebens. Da bemächtigte sich ihrer eine Angst, daß es ein Wunder war, wenn sie nicht laut aufschrie; dicke Schweißtropfen drängten sich auf ihre Stirne; sie war wirklich einer Ohnmacht nahe. Unter dem Vorwände, daß ihr zu heiß sei, und die kühle Luft ihr gut thun werde, entschuld-igte sie sich bei einer Nachbarin, und entfernte sich eiligst, da kaum die Hälfte des Gottesdienstes vorüber war. Draußen in der kühlen Luft ka:u ihr wieder die Fassung. Drin tit der Schul', hatte sie geglaubt, ruhten die

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