Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 265)
- Language
- German
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262 fort, ohne daß er darauf etwas zu eutgeguen wagte, rief sie: »So etwas soll Hindel Spitz zukommen! Einen Sohn soll sie haben, der auf acht Gulden wartet, die eine arme Witwe und ein Mädchen, das für die Leut' näht, vielleicht nicht haben zusammenbringen können! Pfui und nochmals pfui! Einer hätt' mir sagen sollen, daß mein Kind, mein Bärele so etwas werden wird.« Voll Erbitterung ging Hindel weg; auch Rebb Ascher hatte sich in eine andere Stube geflüchtet, denn er wußte aus langer Erfahrung, daß sich nach einem solchen Hausgewitter die Gemüther nur schwer zu einem »Franzefuß« eignen. So war Bärele allein in der Stube geblieben, nachdenkend vor sich hinstarreud, verwirrt unter der Wucht der mütterlichen Vorwürfe, wie unverdient sie immerhin waren, und noch eines anderen Etwas, das er nicht kannte, das wie Lichtfunken vor ihm auf- und niedertanzte. Hindel hatte Recht: aus Bärele war wirklich etwas geworden, was sie nie an ihm erlebt hatte. Er dachte nach. Da öffnete sich still und geräuschlos die Thüre und herein trat Lisi, die Nähterin. Wie Bärele sie erblickte, schrie er fast auf; jene Cholemoedröthe lag brennend auf seinem Antlitze. Hastig, ganz gegen seine Gewohnheit, trat er auf das Mädchen los, als wollte er ihr etwas zu Leid thun, und stieß in heftiger Wallung die Worte heraus: »Warum läßt Du heute so lange auf Dich warten? Hast Du vielleicht das Geld nicht beisammen? Ist ein halbes Jahr nicht lang genug, daß wir warten müssen?« Es war gut, daß Hindel nicht zugegen war; es hätte leicht zur Wiederholung des kaum verrungenen Austrittes kommen können. »Ich bring' ja das Geld,« sagte das Mädchen; ihr ganzes Wesen erzitterte unter dem Schrecken, den ihr Bärele's Entgegenkommen eingeflößt hatte. »Wo hast Du's?« fragte er mit nicht geringerer Barschheit.