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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1854-01-01 · Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854) · p. Seite 307

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
Date
1854-01-01
Page
Seite 307 (sequence 411)
Language
German
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307 Jetzt staunte Perl erst gewaltig; solche tiefe Weisheit hatte sie noch nie vernommen, seitdem ste das Jüngel ihr Kin d nannte. Wie ein goldener Strom floß sie aus seinem Mu nde; sie hätte horchen und lauschen mögen Stunden und Tage lang, so bezaubernd, so umstrickend klangen alle diese W orte. Wo das Jüngel nur alle die Weisheit her hatte! Wenn man ihn hörte, so wars ja nicht anders als hörte sie den ersten Landrabbiner von der Welt sprechen! „Ob wir glücklich leben, ich und Dein Vater?" rief sie in einer Art Begeisterung. „Jedem Jüdenkiud gesagt, was ich und Dein Vater für ein Leben führen, es braucht sich's keine Fürstin besser zu wünschen. Und weißt Du. Kobi Leben, das Alles ist ohne Beschau geschehen; Dein Vater hat nicht gewußt: Hab ich sechs Schnupftücher in meinem Vermögen, oder gar keins? Dein Vater hat mich gesehen und ich ihn. Alles ohne Beschau! Lebendiger Gott, wie hat sich das heutzutage Alles geändert! Recht hast Du, mein Jüngel Leben, geh Du nur auf keine Beschau!" „„Das verschwör' ich nicht,Mutter," rief Kobilachend, „daß ich auf gar keine Beschau gehen werde. Aber zu einem Sack Wolle laß ich mich nicht schicken."" Freudig überquellenden Herzens stimmte Perl dieser Ansicht bei. Gestand sie sich doch im Innern, daß ihr Verstand weit unter dem ihres Kindes stand. Welch einneidloser Stolz, welches süße Vefriedigtsein lag in diesem Geständnisse? Zum Mittagessen kam heute Rebb Wolf zeitlicher nach Hause als er sonst Pflegte. Gleich bei seinem Eintritt bemerkten Mutter und Sohn, daß auf seinem Antlitze ein eigentümlicher Ausdruck spiele. Lange Gewohnheit und inniges Zusammenleben bewirkten, daß sie sich in dieser Sprache besser wie Mancher in einem gedruckten Buche zurecht fanden. Aber sie drängten sich mit keiner Frage auf; sie wußten aus Erfahrung, daß diese Sprache schon ihre Töne finden werde. Bei Tische saß Rebb Wolf lange in Sinnen; mit einem Male begann er: 20

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