Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 407)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609282--2395-2609737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
303 wenig anzuhaben. Ein Lächeln, ein Achselzucken war oft die ganze Antwort. In gutgearteten Häusern hat man vor Kindern keine Geheimnisse; man läßt sie mitrathen und mitreden, so weit dies angeht; läßt sie aussprechen, was sie drückt und bewegt, und lernt sie so frühzeitig kennen mit allen Tugenden und Unarten. Gewöhnlich wird dann ihr Sinn so ausgebildet, daß sie auf halbem Wege errathen und ahnen, was in der Eltern Seele vorgeht, woran sie nicht Theil genommen haben. So wußte Kobi jedesmal, wenn von ihm die Rede gewesen; er errieth haarscharf den Gegenstand ihrer Besprechung, aber „er machte sich davon nichts wissen." Kobi war ein schlauer Junge; er wußte, sein Vater würde doch nie Zwangsmittel anwenden und wenn das roth - köpfige Vögele noch zweitausend Gulden mehr hätte. Die Mutter aberstand auf seiner Seite; im bittersten Kampfe, hoffte er, würde die ihn mit dem Schilde ihrer Liebe decken. Jedermann wird wissen, was eine solche Schußwehr in brennenden Augenblicken zu bedeuten hat; die größten Schlachten sind damit gewonnen worden. Vielleicht wußte Kobi aber selbst nicht, warum er sich den Plänen seiner Eltern widerseßte. Wer kann in der Seele eines „Mins" deutlich Lesen? Seit einiger Zeit war jedoch eine Art Waffenstillstand eingetreten; Rebb Wolf ließ das „zu stille Jüngel" den Weg gehen, den es gerade ging, und das rothköpfige Vögele war allmälig in den Hintergrund getreten, es war „Ruhe" in das schon so ruhige Haus gekommen. — Aber eine Zeit kam, die die stille Wunde Rebb Wolfs wieder bluten machte. Es war nämlich wieder Cholemoiw geworden, jene schöne Halbfesttagszeit, die zweimal des Jahres wiederkehret, an Ostern und Laubhütten. Fröhlich, lustverheißend, mit glänzenden Schwingen gleitet sie nieder in die „Gasse", weckt Tausende von Herzen, jungeund alte, Mütter mit Söhnen und Töchtern. Aeugstlich-frohen Gefühles, unter Bangen und Hoffen wird sie erwartet, sieht man sie endlich kommen. Ist sie endlich da, so ist's beinahe, als wäre unsichtbar