Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 299 (sequence 403)
- Language
- German
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299 sehen, die Hände gerungen, hie und da auch heftig weinen hören. Dazwischen konnte man die fast bittend klingende Stimme Rebb Wolfs vernehmen, der diesen Jammer zu beschwichtigen schien. Es war das erste Mal, daß das Haus der „Mins" in eine so traurige Bedeutsamkeit trat; es war Men, als töne Perls Weinen durch die Gasse. Alles fragte sich: „Perl, Nebb Wolfs kann also auch weinen? so ist er also doch nicht der Min, für den man ihn gehalten hat?" Andere sagten wieder: „Hätt' man nicht darauf geschworen, in Wolf „Mins" Hause geht's wie bei Gott im Himmel zu, vorlauter Herzfreud und Händedruck? Jetzt sieht man, wie es bei ihnen zugeht." Nur Wenige ahnten den richtigen Zusammenhang zwischen Perls Thränen und — der Gemeindewahl. Aber am andern Tage ließ Nebb Wolf erklären, er könne die auf ihn gefallene Würde nicht annehmen, er bedanke sich dafür und lieber bezahle er die ihm auferlegte Strafe, als daß er sich eine Last auferlege, für die seine Kräfte nicht gewachsen seien. „Der Min," hieß es nun, „der Min!" — Jemand, der dieser Geschichte, und noch anderen aus der „Gasse" sehr nahe steht, war zugegen als am Abende desselben Tages nach „Schul" das wilde Dovidl einen ziemlich blöde aussehenden Jungen fragte: „Warum hat denn dein Vater die Gabbestelle (Cassirer der Gemeinde) nicht angenommen?" „„Es wär' ihm eine zu große Last gewesen,"" sagte der Knabe mit merkwürdigem Augenspiet. „„Warum soll er sich für nichts und wieder nichts eine Last auflegen, er hat „so" genug zu tragen."" Diese Antwort machte offenbar das wilde Dovidl verblüfft; doch erholte er sich bald und sagte lachend: „Soll ich dir sagen, warum er es nicht angenommen hat? Weil dein Vater ein „Min" ist und du bist auch einer!"