Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 296 (sequence 400)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609282--2388-2609730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
296 hörte dann Geschichten, wie sie noch nie gehört wurden. Abev nicht nur den muthigen Schwimmer und Jäger mußte man erzählen lassen, vielmehr den still in sich Gebückten, scheinlos Dahinwandelnden, dem Niemand cs abfragen will, warum zuweilen ein so leuchtender Glanz aus seinen Augen fällt, warum ein so eigenthümlich vergnügtes Lächeln manchmal um die Lippen spielt. Mit einem Worte — einen „Min." Es ist doch gut, daß Jeder ein „zu Hause" hat, und wahrhaftig, nicht gerade darum, um damit seine „Gemeindezuständigkeit" aufweisen zu können. Aber bei mir zu Hause, Ln „Böhmen," werden dieLeute sogleich wissen, was der „Min" zu bedeuten hat, und ich habe ihnen so gut als gar keine Erklärung zu geben. Wie viel besser ist das, als die Andern erst auf ein vielleicht nicht befriedigtes Warten zu vertrösten! In der langen und ziemlich gedehnten Gasse, die sich vom „Ring" bis zum „Wasser" hinabzieht, hart am äußersten Ende derselben, steht ein altes, einschichtiges Haus. Es ist eines jener Bauwerke aus einer ferne liegenden Zeit, in der die „Baupolizei" noch nicht den Maurer auf Kosten des Zimmermanns begünstigt hatte. Das Haus ist nämlich ganz aus rohen Balken zusammengezimmert, zwischen deren Fugen der gelbe Lehm allein beweist, daß hier nicht ausschließend die Axt gewaltet. Drei weitschattige Nußbäume stehen davor. Wer sie gepflanzt? wer überhaupt das Haus gebauet hat? Für die Leute in der Gasse wäre das eine müßige Frage gewesen; sie wußten nur das Eine, daß in dem Hause immer „einerlei" Menschen gewohnt hatten; es hatte für sie keine Geschichte. Seit undenklichen Zeiten nämlich war Jeder, der aus diesem Hause kam, ein „Min." Wenn sich einmal die Maschen eines Zunamens um einen Menschen, um eine Familie gelegt, dann gehört die Riesenstärke himmlischer Geister dazu, ein solches Netz zu zerreißen. Unsichtbar über allen Lagen und Verhältnissen des Lebens hängt und schwebt es, um alles Thun schlingt es sich, klammert sich an Leib und Seele, begleitet den Kommenden und den Gehenden, das Geborene und das Sterbende.