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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 627 - 628

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Die Zweifel des Rabbi
Date
1901-08-01
Page
Seite 627 - 628 (sequence 2)
Language
German
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627 Miscellen — Aphorismen. 628 Kundgebung diese Wirkung, d. h. die Besorgnis, dass eine Störung des öffentlichen Friedens eintritt, nicht hervorruft. Weiter heisst es dann: Der Fehler des landgerichtlichen Urteils besteht darin, dass der verständig denkende Mensch als Hörer angenommen wird. Verständige Menschen und Publikum sind keine sich deckenden Begriffe. Zu erwägen ist avch, dass nicht die Hörer allein in Betracht kommen, sondern die Leser der Berichte über die Reden. Dass alle Zeitungsleser den Kreisen der gebildeten und verständigen Menschen angehören, kann auch nicht ohne weiteres angenommen werden. Mit der Möglichkeit, dass die Presse über seine Reden berichten werde, musste der Angeklagte rechnen. Endlich ist auch noch zu prüfen, welche Wirkung die Reden des Grafen auf die jüdische Bevölkerungsklasse ausüben konnte. * Der Einfluss der Bibel. In dem Aufsatz „Hutten" der Serie „Helden der Menschheit"a) findet sich der charakteristische Satz: „Die deutsche Sprache war noch sehr wenig entwickelt : war doch Luther's Bibel-Uebersetzungnoch nicht erschienen. Jetzt, wo ich durch das Land zwischen Tigris und Dschagdschatsch (Mygdonius, der Fluss von Nisibis) geritten bin, begreife ich das zweihundertfünfzigjährige erbitterte Blutvergiessen von beiden Seiten um dieses Gebiet. Schwere tiefbraune Ackererde bedeckt es, so weit das Auge reicht; Teil reiht sich an Teil von Tur Abdin bis an den fernen Südhorizont, und selbst wo sich schwarze Lavafelder streckenweise durch das fruchtbare Erdreich ziehen, sieht man, wie in früheren *) Verlag Aufklärung, Berlin. Zeiten die Steine in Haufen und Reihen zusammengetragen worden sind, um eine Möglichkeit des Anbaues zu schaffen. Hier ist einst dichtbevölkertes, reiches Land gewesen, ein Kleinod für das Diadem des östlichen wie des westlichen Reiches; wären Anbau und Volksmenge damals auch nur annähernd auf derselben niedrigen Stufe gewesen wie heute, so hätten weder Römer noch Perser das Blut ihrer tapfersten Truppen so unausgesetzt darum vergossen! Mich haben diese Gedanken unausgesetzt bewegt, namentlich seit ich den Tigris überschritten habe und sehe, dass westlich vom Strom der alte Kultur- und Bevölkerungsstand noch zur byzantinischen Zeit mindestens derselbe gewesen ist, wie in dem alten kraftstrotzenden assyrischen Kernlande im Osten. So viele auch schon vor mir diese Strasse gezogen sind: jedesmal wenn ich morgens nach dem Ausreiten die Sonne aufgehen und die zahllosen Teils beleuchten sehe, und jedesmal, wenn sie untergeht und die blauen Silhouetten der nahen und fernen Hügel sich gegen den Horizont abheben, will es mir vorkommen, als ob es eine Erkundungs- und Entdeckungsreise im unbekannten Lande ist, auf die ich ausgezogen bin, eine Reise, von der ich heimbringe, was noch kein anderer hier so gesehen hat, wie ich es sehe — sehe mit den Augen eines Mannes, der in die Fremde gegangen ist, Brot für die Seinen zu suchen, und der nun die Stelle gefunden hat, wo das Erdreich den nährenden Segen birgt und nur auf die Hände wartet, die ihn ans Licht fördern. Ich kann gar nicht sagen, wie ich diese reiche Erde unter den Füssen meines Pferdes liebe, die tausend Jahre verzaubert geschlafen hat; ich kann nicht sagen, mit welchen Farben der Sehnsucht und der Hoffnung ich mir die Zeit male, da hier sich wieder Dorf an Dorf reiht..... Paul Rohrbach. („Von Mossul nach Urfa, Ober-Mesopotamien.M) APHORISMEN. Jenes Volk wird ein Kulturvolk, bei dem, während grosse schaffende Geister erstehen, auch die Vielen intensiv leben. Ellen Key („Die Wenigen und die Vielen"). * Jede um ihres Glaubens willen in die Fremde vertriebene und zerstreute Genossenschaft ist darauf hingewiesen, über alle Nationalität immer die Einheit der Menschheit im Auge zu behalten und mit aller Kraft gegen jeden Formalismus und jede Ausschliesslichkeit zu wirken. Es giebt keine allein seligmachende Religion und keine allein menschlich schön machende Nationalität. Berthold Auerbach. Luftschlösser zu bauen kostet nicht viel, aber es kann sehr viel kosten sie niederzureissem * Gerade weil so viele Juden Freunde, Verwandte und Familien-Erinnerungen in mehr als einem Lande und Weltteile haben, ist die Liebe der Juden zu ihrem Geburtslande — ohne weniger tief zu sein — doch weniger exklusiv, weniger ungerecht. Wie die Heldin des antiken Theaters kann er sagen: „Mein Herz ist geboren um zu lieben und nicht zum Hassen." Theodore Reinach, (Histoire des Israelites.)

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