Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Rabbiner in Jerusalem [Illustration]
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 625 - 626 (sequence 1)
- Language
- German
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625 626 MISCELLEN. Die Zweifel des Rabbi. Bei Gelegenheit der Zweihundertjahrfeier der sephardischen Gemeinde in London gab Rev. S. Singer in einer Predigt bangen Zweifeln Ausdruck: „Wie manche Familie ist in dieser Zeit ausgestorben oder — was für das Judentum dasselbe sagen will — ist schwach geworden in ihrer Treue und hat dem Judentum den Rücken gewendet, ohne sich eine Spur von Liebe oder Interesse für den alten Glauben zu bewahren. Wie wenigen von den ehrwürdigen und klangvollen Namen, welche die Gründer der Synagoge waren, begegnen wir heute noch! Aber auch wie Rabbiner in Jerusalem. wenige sind uns geblieben von den Familien der ersten deutschen und polnischen Gemeinden, obwohl diese viel jünger sind als die sephardische! Der Genealoge, der eifrig die Geschlechter der Menschen bis zur Quelle zurück verfolgt, mag uns zeigen, wie dieser und jener jüdisches Blut in seinen Adern hat, obgleich er nicht länger zu Israel gehört. Aber das ist ein schwacher Trost und eine zweifelhafte Ehre für uns! Warum müssen wir als Juden immer verlieren, wenn unser Fortschritt als Menschen der grösste war? Warum muss Israel immer klagen: Ich habe Kinder geboren und auferzogen, aber sie haben sich von mir gewendet? Sind unsere Methoden falsch? Fehlt uns das Verständnis für uns selbst, die wir sonst so verständig sind und zeigen, wie wir andere verstehen? Sind wir unfähig uns selbst zu lehren, die wir die ältesten Lehrer der Welt sind?" * DerProzess des „Dreschgrafen" Pückler hat dem Reichsgericht Veranlassung zu recht interessanten Ausführungen gegeben. Es heisst da bei der Begründung der Verurteilung des germanischen Aristokraten: Allerdings werde in erster Linie der normal veranlagte Mensch als Hörer ins Auge zu fassen und zu prüfen sein, ob die Aeusserung geeignet sei, den Frieden eines solchen normal veranlagten Menschen zu gefährden, weiter sei zu prüfen, ob angesichts des konkreten Publikums diese normale Wirkung erzielt worden ist. Es könne sich hier ereignen, dass mit Rücksicht auf ein gewisses Publikum die sonst eintretende normale Wirkung nicht entsteht und dass das Publikum so kühl denkend und verständig ist, dass eine unter anderen Verhältnissen aufreizend wirkende