Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Moses und Confucius
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 623 - 624 (sequence 1)
- Language
- German
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623 MOSES UND CONFUCIUS. 624 Von Wu ' (Wu Ting-Fang, der chinesische Gesandte in Washington, hielt vor der Jewish Chatauqua, einer Gesellschaft zur Förderung der Bildung unter den Juden, vor kurzem einen Vortrag, aus dem wir einige interessante Stellen hier wiedergeben.) .... Ich bin hier unter Freunden. Ich kann an der Hand von historischen Thatsachen nachweisen, dass Juden und Chinesen vor vielen Jahrhunderten sich * einander genähert haben. Sogar einer Ihrer grossen Propheten, Jesaia, erwähnt an einer Stelle das Land Sinar, woraus hervorgeht, dass er China kannte, und im 3. Jahrhundert kamen die Juden nach China. Sie brachten Priester und Gelehrte, ihr Heiliges Buch, ihre Gewohnheiten und ihr Ritual mit sich. Im 12. Jahrhundert hatten sie eine Synagoge in der Stadt Pinlau. dem heutigen KiungChau, wo sie in Frieden lebten. Im 15. Jahrhundert brannte ihre Synagoge nieder, wurde bald darauf wieder aufgebaut und bestand bis 1849, in welchem Jahre sie durch eine Ueberschwemmung zerstört wurde. Man schätzte diese jüdische Kolonie in China auf 5000 Menschen, die sich aber bis heute auf 2—300 vermindert haben. Sie wurden niemals verfolgt oder belästigt und konnten ihren Beschäftigungen nachgehen, wie alle chinesischen Unterthanen. Die meisten waren Kaufleute, während einige sogar Regierungsämter bekleideten. Wir sehen also, dass sie unter den Chinesen friedlich und als ein Teil des chinesischen Volkes lebten. Noch heute befindet sich in Kiung Chau eine Inschrift, in der den Juden ihr gutes Verhalten ausdrücklich bezeugt wird. Von ihrer Religion heisst es in der Inschrift, dass sie ihnen vorschreibt, ihre Eltern zu ehren und den Toten Pietät zu bewahren......Confucius that dasselbe für die Chinesen, was Moses für die Juden gethan hat und in sehr ähnlicher Weise.....Beide haben den Charakter ihrer Völker geformt, und die auffälligste Uebereinstimmung besteht in der Bedeutung, die von beiden Weisen der Eiternliebe beigelegt wird. Confucius sagt: Ehre Deine Eltern. Ein pflichtgetreuer Sohn ist ein loyaler Unterthan, ein guter Hausvater, ein nützlicher Bürger. Ganz ähnlich sagt Moses im 5. Gebot: Ehre Deinen Vater und Deine Mutter, auf dass Du lange lebest in dem Lande, das der Herr Dir giebt. — Es ist eine bedeutsame Thatsache, dass diese Verheissung sich in China erfüllt hat. Nach unserem Lehrer Confucius betrachten wir die Elternliebe als das grundlegende Prinzip unserer Ethik. Ein pflichtvergessener Sohn, einer, der nicht für seine Eltern sorgt, wenn er dazu im stände ist, ein solcher wird als ein Ausgestossener betrachtet, mit dem Niemand zu thun haben will. Einen Mann, der in dieser Beziehung seine Pflicht thut, stellt Confucius höher als einen Gelehrten..... Eine besondere Aehnlichkeit und einen .Grund zur gegenseitigen Sympathie muss ich zu meinem Bedauern darin sehen, dass beide Völker in gewissem Grade verfolgt, oder wenn nicht das, so doch verachtet waren und noch werden..... Wenn ich für einen Augenblick nachdenke, warum wir verachtet sind und warum — um es sehr milde auszudrücken — so viel Vorurteil gegen Chinesen und Juden sich äussert, so muss ich sagen, dass dieses Vorurteil berechtigt wäre, wenn wir es uns durch Laster und Mängel zugezogen hätten; aber bei sorgfaltigster Ueberlegung kann ich es nicht sehen, dass wir aus diesem Grunde verachtet sind. ing-Fang. Nicht wegen unserer Fehler hat man Vorurteile gegen uns, sondern ich kann sagen — obwohl wir nicht zweifeln, dass auch wir keine vollkommenen Menschen sind —, dass wir wegen unserer Vorzüge gehasst werden. Ja, unsere guten Eigenschaften, unsere Geschicklichkeit, unser Fleiss, unsere Sparsamkeit, unsere Ausdauer und unser geschäftliches Genie sind der Grund des Vorurteils gegen Juden und Chinesen. Wo immer ich hinkomme, spüre ich dieses Vorurteil, wenn man auch zu höflich ist, in meiner Gegenwart es auf mein Volk zu beziehen. Frage ich aber, weshalb man diesen Argwohn gegen die Juden hegt, so höre ich immer nur den Grund, dass Ihr den andern zu klug seid..... Ich gebe zu, dass wir gute Geschäftsleute sind, aber das ist kein Grund zum Hass. Schliesslich aber, und in gewissem Sinne sollten wir für dieses Vorurteil dankbar sein. Es liegt darin eine Anerkennung unserer besseren Eigenschaften und ein Ansporn zur Vorsicht und zur Energie. Diejenigen, denen es gut geht, werden leicht faul und nachlässig, ein Volk aber, gegen welches Vorurteile existieren und welches zerstreut ist, wird gezwungen, alle Kräfte anzuwenden, um sich seinen Weg zu bahnen, und wenn die Zeit kommt, wird es das erste Volk der Welt sein. Das ist nicht meine persönliche Meinung, sondern ein Bestandteil der chinesischen Doktrin, für die viele unserer Klassiker Beispiele anführen. . . . > . Es giebt Leute, welche alle, die nicht zu ihrem Glauben gehören, Heiden nennen. Aber es giebt Heiden und Heiden. Es giebt solche die sehr schlecht sind, aber es giebt auch Heiden, die besser sind als gute Juden und gute Christen. Zu dieser Klasse hoffe und wünschte ich zu gehören...... Vor kurzem hatte ein Geistlicher in Philadelphia mich von der Kanzel herab beschimpft. Er denunzierte mich als einen Heiden und sagte unter andern hässliehen Dingen, dass ich nicht ernsthaft wäre, dass ich im Grunde meiner Seele den Amerikanern feindlich sei, wenn ich auch in der Oeffentlichkeit freundschaftlich spräche. — Ich weiss nicht, wie dieser Geistliche dazu kommt mein innerstes Herz zu kennen. Aber solche Christen giebt es in diesem Lande, und ich muss mit Bedauern sagen, dass sie nicht in der Minorität sind...... Kein guter Christ würde das thun, aber auch kein guter Jude und kein guter Heide. Nun, ich sagte, dass ich den Ehrgeiz habe, ein guter Heide zu sein. Ich hege keinen Unwillen gegen den ehrwürdigen Herrn, der mich aus irgend einem mir unbekannten Grunde nicht leiden mag. Ich erkläre ernsthaft, dass wenn ich mit ihm zusammenträfe, ich ihn anreden würde. Wenn er zu mir in die Gesandtschaft käme, so würde ich ihn höflich empfangen, und nicht nur das: ich würde ihm eine Tasse guten Thee geben. Ich bin nicht engherzig..... Der beste Mensch in der Welt hat Feinde — wie kann ich als ein armer, guter Heide erwarten, keine Feinde zu haben. . . . Was sollen die Religionsstreitigkeiten .... lasst uns zusammenarbeiten zum Besten der Menschheit, wie verschieden auch unsere Religionen und Prinzipien sein mögen. Lasst uns handeln nach dem grossen Worte des Confucius: „Seid gegen jedermann gerecht und gut, so werden innerhalb der vier Weltmeere alle Menschen Brüder und Schwestern sein." (Nach Jewish Exponent.)