Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Ludwig Jakobowski
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 567 - 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Dr. Theodor Lessing: Ludwig Jakobowski. 5j58-, Der tiefe reine Mensch, die adelige Nation, so predigt das Buch, — unerkannt, zurückgedrängt, als gemein und nieder, immer und immer wieder gedehmütigt, wird schliesslich das, wozu man ihn macht; und wenn ein Mensch an seine Sklavennatur nur glaubt und sich erst einmal seiner Abkunft schämt, so ist er schon Sklave. — Hier ist tiefes Verständnis für die Psychologie moderner Rassenkämpfe; aber dies Verständnis sieht schon, was die Beladenen erlösen kann: etwas Freude, viele Liebe. Stolz, Besinnung auf die Würde und tiefe Grösse unseres Judentumes und seines Geschickes. Ünd von nun an wirken an Jakobowski's Werk zwei mächtige Triebe: Verlangen nach Menschenliebe, Sehnsucht nach Glück. — In der zarten Lyrik spricht das persönliche Suchen nach Glück, der Wunsch nach einer Liebe ohne Kampf, in der ein Heimatloser die Wunden des verachteten armen Herzens noch ausheilen kann. Die weniger persönlichen Werke tragen ein grosses, sozialethisches Empfinden, Menschenliebe, lautere Konsolidarität, jenes Mitleid für alle, das aus dem Selbstmitleid in reinen Naturen hervorgehen kann .... Das frühe grosse Erlebnis kehrt nun immer wieder. Aber immer anders, verwandelt mit Festigung und Reife des Mannes. Werther der Jude, Diyab der Narr, Loki — das sind drei grosse Stufen. Leo Wölfl, der jüdische Werther, leidet am Leben mit jüdischer Leidensfähigkeit, beschmutzt und besiegt. Diyab der Narr überwindet in Resignation, Loki aber schmiedet sich ein neues Leben mit harter That. Alle drei sind die Erniedrigten, erdrückt, vergewaltigt, schwer beschädigt. Sie haben nicht nur die feindliche Last zu schleppen, sondern auch den Reflex dieses hässlichen Schicksales in der eigenen Seele; und nun läutern sie sich empor. Es ist ein siegreicher Aufstieg an Leben und Grösse, und Loki, das edelste der drei Werke, war noch nicht Jakobowski's letzte Stufe. Dieser Dichter wäre vielleicht kein Grosser geworden, aber sicher einer der Edelsten .... Leo bleibt Dulder, Diyab überwindet als Philosoph, Loki aber als Empörer und Reformer; vom Schwärmen und Grübeln geht es zur That .... " « Diyab der Narr, der edle Sohn des Scheikh, ist verspottet seines Geburtsfehlers wegen: eine weisse Mutter hat ihn geboren. Er entzieht sich der Schmach des Hohnes, indem er den Narren spielt, und unter dieser Maske wird er Mann und stählt sich zur Rache. Und als er Mann ist, bewährt er sich vor allen Gegnern, bis das jubelnde Volk ihn endlich zum Scheikh wählt, ihn, den lang Verhöhnten. Er ist am Ziel, er hat sich durchgesetzt und heiratet die arme Jugendgeliebte. Er ist rein und schön geblieben und vergiebt. Aber die Narbe brennt fort, und die Dichtung schliesst: Und kämen alle jetzt und küssten mir Die Hand . . . steh'n nicht die Jahre neben mir, Wo Steine meine Knabenschläfe trafen? Und sind die tausend Nächte ausgelöscht, Da ich in weiter Wüste einsam lag, Und auch nicht einer kam, der unter's Haupt Mir eine Matte schob? Das ist es ja: Das Lachen wandert mit Dem früh'sten Wind und ruht auf jeder Lippe Sich lustig aus. Das Weinen bleibt allein Und gräbt sich tief, als wär's in dunkel Erz. 3. Welch anderer Aufflug im Loki: knapp, klar stilisiert; die Sprache wuchtig prägnant; grosse Bilder, feste Konturen. Ueberall hineinragend die alten sozialitären Erlebnisse und Rassenfragen, aber ohne abstrakte Aufdringlichkeit. Denn das Gedankliche kann nur Kunstwerk sein, wo es Motiv wird für menschliches Handeln oder menschliches Leiden . . . Wir tauchen tief in Probleme und merken es nicht, während wir uns freuen an einer bunten Wandelwelt, an grossen Entwürfen und Kartons eines Dichters. Die Sprache steigt oft empor zu ossianischem Pathos: das Gespräch Loki's mit den Asinnen, die Werbung Freia's für Balder, der prachtvolle Besuch im Reiche der Urda und wiederum die rührende Geschichte von Thor und der Magd Sif . . . . Kein archaisierender Roman hatte bisher diesen intimen Zauber. Diese starken Künstlergaben hätte Jakobowski höher gebildet; aber sie zeigten auch schon die Grenze. Dieser bewusste Ausmünzer unseres alten Volkshortes mit dem innigen Verstehen der Volksseele und ihrer Märchenschönheit war kein altes Kind, etwa wie unser Thoma oder der liebe dicke Moritz von Schwind. Sein Werk war bewusst, wie etwa Dahn's deutschtümelnde Romane, oder Jordan's Nibelungen mit ihrer massvollen Mystik und hausbackenen Romantik. Er war nicht immer tief genug, um sich naiv hingeben zu dürfen ohne Furcht vor Trivialem. Er klügelte, suchte, verkleidete, verbarg, umschrieb. Das benahm dem Gedichte zuweilen die erste feine Keuschheit. Er häuft ängstlich Adjektiva und thut sich nie genug. Das erste scheint ihm leer, darum hängt er ein zweites und drittes daran. Wo das Beiwort „still" steht, wird auch noch „leise" hinzugefügt, und redet er vom „Licht", so stellen sich sofort gewohnte Associationen ein: glänzend, schimmernd, leuchtend etc. Man arbeitet leider nicht ungestraft jahrelang unter Litteraten, mit ihrer liederlichen Sprachgewohnheit, Gesinnungsgemeinheit und Bewusstheit. So stiehlt sich leicht in das reinste Kunstwerk Litterarisches ein: schlechte, moderne Kapitelüberschriften, verheiratete Phrasen; ein „feierlich dastehender" Waid beginnt ein leises Schlummerlied zu rauschen, „die Spitzen der kleinen Mädchenfüsse stehen im Licht"; „werden" und „haben" wird zu oft elidiert, „dass" wird ausschliesslich mit Indikativ gebraucht . . . kleine Unsitten unseres Zeitungsstiles. „Die Augen der Kinder mafsen sich auf der schweren Wage der inneren Kraft" (S. 29; richtiger heisst es S. 80 „sie mafs die Gestalt auf der Wage ihrer Blicke"). Doch das sind nur Kleinigkeiten. Das Werk bleibt gross und schön. Dieser Roman, der wie kein anderer die altdeutsche Mythologie der modernen Stimmung genähert hat, muss Jakobowski's Namen zu unseren Enkeln hinüberretten, wenn einst eine ganz neue Kunst des antiken und historischen Gedichtes blüht. Er muss das traurige Ahnen dieses unvollendeten Künstlers widerlegen: