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Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 515 - 516

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Unter dem Titusbogen in Rom
Date
1901-07-01
Page
Seite 515 - 516 (sequence 1)
Language
German
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515 516 UNTER DEM TITUSBOOEN IN ROM. fAus einem römischen Tagebuch.) Es sind ernste Gedanken, die den Juden bei Betrachtung des Denkmals erfüllen sollten. Nicht nur das Weh über den untergegangenen Staat, über die furchtbaren Leiden, unter denen er zu Grunde ging, nicht nur das Mitleid mit den armen Gefangenen, die auf dem Relief dargestellt sind, wie sie, im Triumphzug dahinschreitend, dem Tode entgegen gehen. — Das haben auch andere Völker erduldet, und die Nachkommen können doch mit ganz andern Gefühlen vor den Denkmälern stehen, die den Sieg der Gegner verherrlichen. — Aber hier handelt es sich nicht allein um den verlorenen Staat, — nein, uns ist noch ganz anderes verloren gegangen: wir haben zum grossen Teil unsere Würde und unsere Selbstachtung eingebüsst. — Hätten jene Kämpfer in der Todesstunde in die Zukunft blicken können, das vor ihnen entrollte Bild hätte sie in der That mit Verzweiflung erfüllt! — Der Name, der ihr Stolz war, in den Kot getreten, statt der Ehre — ein Zeichen niedriger Abkunft. Und das nicht nur in den Augen der Fremden: nein, auch die eigenen Nachkommen wenden sich beschämt von ihm ab. Gerade unter jenen, welche sich durch Begabung, Fleiss, Energie, trotz allen Vorurteils, eine geachtete Stellung errungen, sie, die so viel dazu beitragen könnten, das Ansehen ihres Stammes zu heben: wie viele von ihnen sagen sich von ihm los! Nicht als Juden wollen sie in den Reihen der von Mit- und Nachwelt Geschätzten stehen! Nein, so rasch als möglich alles vernichten, was an die lästige Abstammung erinnern, alles erstreben, was für sich oder ihre Kinder den Schein der Zugehörigkeit zu einer anderen Rasse erwecken könnte! Von der Geschichte ihres Volkes, von seinen Verdiensten, von seinem Ruhm und seinen Leiden wissen sie nichts, wollen sie nichts wissen! . . . Man sagte mir, dass strenggläubige Juden sich scheuen, den Triumphbogen zu durchschreiten. Und doch ist das Denkmal keine Schmach für uns. Eher könnten wir uns an ihm aufrichten. Aber die Gleichgültigen, oder die, welche zum Abfall neigen, sie sollten beschämt in der Ferne bleiben, denn ihretwegen müssten die Geister jener Besiegten trauern, könnten sie auf diese Stätte herniederschauen. Sie stehen abseits oder haben sich geflüchtet, während andere ringen, den Namen „Jude" wieder zu Ehren zu bringen und ihrem Stamm eine würdevolle, schönere Zukunft zu bereiten. — — x. :;^^}|rw;strwj$f^:$r^:Vr^:ji^ Ich bin Ahasver, den ihr seht, Ich bin der Jude, den ihr schmäht, Ich bin's, den Gram so hat gebleicht, Ich bin's, den Jammer so tief gebeugt; Mein Herz allein erhielt sich jung Trotz aller Aender- und Wanderung. Doch ach! wie teilnahmslos zur Stund Hört ihr die Klag' aus meinem Mund, Ais war' ich noch im alten Kleid Ein Schemen der Vergangenheit! Was wähnt ihr mich des Lebens bloss, Indes mein Geist gedankengross Sich in die Zukunft breitet aus? — Doch ihr geht schwer aus euch heraus Und bleibt so gern beim Alten steh'n, Als müsste alles so weiter geh'n, Und wenn ihr freiheitliebend scheint Ihr nur die eigne Freiheit meint. Hbasver's Klage. Drum lässt bei euch noch immer sich schau'n Des Mittelalters spukhaft Grau'n; Drum war1 es vielen auch ganz recht, Ich wäre noch ein Kammerknecht; Drum schreib* ich euch allein es zu, Dass ich nicht finde Rast und Ruh1. Drurn ist nur eu'r der Unverstand, Der mich ans Elend hält gebannt! Was frommt es mir, dass ich den Bart Hab' zugestutzt nach eurer Art; Was, dass durch Kunst und Wissenschaft Erstarkt ist meines Geistes Kraft? — Es ist ein Jude! heisst es allerwärts, Wenn auch verblutet drob des Juden Herz. Schweig! — isf die Antwort auf die Klag1 — Fort! — Pilg're fort bis an den jüngsten Tag, Auf dass erfülle sich die Mär Vom ew'gen Juden Ahasver! _ Ludwig WihL

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