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Ost und West · 1901-06-01 · Heft 6 (Juni 1901) · p. Seite 449 - 450

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 6 (Juni 1901)
Article
Manasse ben Israel
Date
1901-06-01
Page
Seite 449 - 450 (sequence 1)
Language
German
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449 450 MANASSE BEN ISRAEL.*) Seit der Regierung Eduard's I. war England bis auf wenige Ausnahmen den Juden verschlossen gewesen; der mutige Rabbi von Amsterdam, Manasse Ben Israel, unternahm es, ihnen das Land wieder zu eröffnen. Ein guter Talmudist, grosser Sprachkenner und gewandter und fruchtbarer Schriftsteller, war Manasse in fortwährender Korrespondenz mit den berümtesten Schriftstellern seiner Zeit und erfreute sich einer allgemeinen Hochschätzung. Trotzdem-war er ein ziemlich mittelmässiger Geist er schon vorher seine Träume in einem Werke ,,Die Hoffnung Israels" auseinandergesetzt hatte, sich persönlich nach London zu begeben und leitete aktive Schritte bei Cromwell ein. Gleichzeitig richtete er an das Parlament ein langes Memoir, eine geschickte Darstellung der religiösen, historischen und wirtschaftlichen Gründe, die für das Gesuch seiner Glaubensgenossen sprachen. Er fügte ein besonderes Argument hinzu, welches wohl geeignet war, auf die Mitglieder des Parlaments Eindruck zu machen: das Verbannungs¬ und in messianischen Träumen befangen, und war^ ^Edikt Eduard's I. hatte, wie er sagte, niemals Gesetzes z. B. fest überzeugt, dass die Nachkommen der zehn Stämme Israels sich in den Savannen Süd - Amerikas wiedergefunden hätten! Aber gerade diese Leichtgläubigkeit machte seine Stärke aus und veranlasste ihn, seinen Glaubensgenossen einen unvergleichlichen Dienst zu erweisen. Ueberzeugt, dass der Messias kommen müsse, sobald die Söhne Jacob's von einem Ende der Welt bis zum anderen zerstreut sein würden, schloss er daraus, dass es dringend notwendig sei, sie nach den britischen Inseln zurückzuführen, die er für die äusserste Grenze der bewohnbaren Erde hielt. Daher seine fortgesetzten Anstrengungen, die schliesslich von einem posthumen Erfolg gekrönt wurden. Die politischen Verhältnisse waren seinem Projekt nicht ungünstig, die englischen Puritaner hatten ihren König Charles Stuart entthront und die Republik gegründet. Als eifrige Leser der Bibel hatten sie sich die bilderreiche Sprache der Bibel angewöhnt und zeigten einen grossen Respekt für die alte jüdische Rasse; einige Sektierer, die „Millenarier", trieben diesen Respekt sogar bis zum Enthusiasmus und wetteiferten in ihren phantastischen Hoffnungen mit den jüdischen Messianisten. Der „Niveleur" Everard sprach von den Leiden „unserer Vorfahren" in Aegypten. Hugh Peters, der Almosenier Cromwell's, sprach sich seit 1647 gegen die Ausschliessung der Juden aus. Der Lord-Protektor selbst, ein klarer Geist und kraftvoller und scharfsinniger Politiker, beneidete Holland um die wirtschaftlichen Vorteile, die es aus der Niederlassung der Juden gezogen hatte; vielleicht nährte er auch die Hoffnung, sie zur presbyterianischen Religion zu bekehren. Im Jahre 1655 entschloss sich Manasse, nachdem . *) Aus Theodore Reinach. Histoire des Israeliten Deuxieme Edition, Paris 1901. Manasse ben Israel. (Nach d. Gemälde v. Rembrandt) Aus: Kohut, Gesch. d. deutsch. Juden. Deutsch. Verl. Berlin, SW. kraft erlangt, weil ihm die Zustimmung der Kammern fehlte. Der Lord-Protektor, der schon im vorhinein für die Sache der Juden gewonnen war, berief eine Kommission hoher Würdenträger und Geistlichen nach Whitehall und legte ihnen das „unterthänige Gesuch" Manasse's vor. DieDebatten waren sehr langwierig: der Klassen- Egoismus, das religiöse Vorurteil und die allgemeine Ignoranz verbündeten sich gegen die Gewährung des Gesuches. Pamphlete wurden veröffentlicht, man wiederholte die albernsten Verleumdungen gegen die Juden, und Manasse musste ihnen mit einer besonderen Schrift (Die Rettung der Juden) entgegentreten. Trotz der Ungeduld Cromwell's zogen sich die Beratungen der Kommission derart in die Länge, dass Manasse, der am Ende seiner Mittel angelangt war, den Lord-Protektor um eine Pension von 100 Pfund Sterling angehen musste und sich schliesslich nach Holland einschiffte: erstarb unterwegs in Middelburg C1657). Jedoch sollte der mutige und geschickte Feldzug des Amsterdamer Rabbiners nicht ohne günstige Folgen bleiben. Wenn auch die unruhigen Zeiten, die inneren und äusseren Verwickelungen es der englischen Regierung nicht erlaubten, das Statut Eduard's I. umzustossen, so erlaubte Cromwell doch mehreren Juden, sich in London niederzulassen. Seit 1664 hatte die „portugiesische Nation" ein Bethaus und einen Rabbiner, Jacob Sasportas. der es verstand, von seiner kleinen Gemeinde kabbalistische und messianische Einflüsse fern zu halten. Bald darauf erwarben die Londoner Juden mit Wissen und Willen des Magistrats einen Begräbnisplatz und seither konnten, ohne dass eine gesetzliche Aenderun^ eingetreten wäre, portugiesische sowie deutsche Juden sich ungehindert in England niederlassen, ihren Kultus ausüben und sich dem Handel widmen.

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