Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Schöpfungslieder
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 441 - 442 (sequence 2)
- Language
- German
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441 D. Frisch mann: Schöpfungsüedcr. 442 sich und liess ihn fallen, und der Engel fiel, und tief und tiefer fiel er, abwärts und immer abwärts — er fiel den Fall der Sünde. Und erdwärts und immer mehr erdwärts fiel der Engel, Jahrhunderte lang fiel er und durch Jahrtausende und gelangte endlich bis auf die Erde. Da wurde der Engel zum niedrigsten der Geschöpfe; er wurde zu jenem erbärmlichen, nichtsnutzigen, verworfenen Geschöpf, das da genannt wird — der Mensch. IL Anfangs — und Himmel und Erde — und ein Chaos. Und Himmel und Erde sind zu einem unendlichen, formlosen Klumpen zusammengeballt, eine einzige mächtige schwimmende Masse, und das Chaos ist ganz Finsternis und Dunkelheit. Von Himmelsrand zu Himmelsrand Finsternis und Dunkelheit, von Erdenend zu Erdenend Finsternis und Dunkelheit — vom Saume des Weltalls bis zum Saume des Weltalls. Und allüberall finstere Massen, undurchdringliche Haufen, schwarze Ballen und Ströme dunkler Dünste. Nebel und Nebelbruchstücke, Wolken und Wolkenbruchstücke liegen zerstreut umher, und noch nicht fertig gewordene finstere Schlünde starren aus jedem Winkel. In der Werkstätte, wo der Schöpfer an der Drehscheibe beschäftigt ist, liegen Fetzen ewiger Nächte, Streifen undurchdringlicher Finsternis, Schlacken tiefer Schwärze, alles nachtstarrendes, dunkles Rohmaterial zu künftigen Welten. Lavaartig ergiessen sich die pechschwarzen Massen durch den unermesslichen Raum. Und es zischt und heult, es summt und surrt, und die Nebel schlagen ineinander und verschmelzen sich, stieben wieder auseinander und zerteilen sich, und alles wird zum gähnenden, finsteren, unendlichen Abgrund, aus dem der Wirbelwind heult und pfeift. Und ununterbrochen steigt das Sausen und Brausen, das Zischen und Heulen aus dem endlosen, dunkeln Kessel. Und in dem nachtstarrenden Kessel mischt und mengt, rührt und quirlt der Schöpfergeist unaufhaltsam, um das erste Geschöpf hervorzubringen. Und es klappern die Räder, und es stampfen die Kolben, sausend und brausend, zischend und pfeifend. l'nd das erste Geschöpf geht fertig unter der Hand des Schöpfers hervor, und endlich entsteigt es dem Kessel,.und siehe da — ein schwarzer, zottiger Affe ist es, klein von Gestalt und unansehnlich. Es war ein Affe, das erste, das der Herr geschaffen. Und finster ganz war der Affe und dunkel, eine hässliche, ekelhafte Missgestalt. Aber selbst der Affe ist nicht hässlich in den Augen seines Herrn, der am Anfang schon eines Jeden Zukunft kennt. Und der Affe fand Wohlgefallen vor den Augen des Schöpfers, und er liess ihn sich entwickeln und fortschreiten, und er hob ihn zu sich. Da stieg der Affe immer höher und höher, von Stufe zu Stufe, von Geschlecht zu Geschlecht, aufwärts und immer mehr aufwärts — er stieg den Weg des Fortschritts. Und immer höher stieg der Affe, Jahrhunderte lang stieg er und durch Jahrtausende und kam endlich bis zur Höhe, wo er Erde und Himmel vereinigte und sie sein eigen machte. Da wurde der Affe zum höchsten der Geschöpfe; er wurde zu jenem erhabenen, gewaltigen und immer fortschreitenden Geschöpf, das da genannt wird — der Mensch.