Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1901)
- Article
- Judentaufen im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 423 - 424 (sequence 1)
- Language
- German
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423 424 JUDENTAUFEN IM NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERT. Von Dr. N. Samter. Das neunzehnte Jahrhundert kann mit Recht in der jüdischen Geschichte das Taufjahrhundert genannt werden. Es sind auch früher Judentaufen vorgekommen, aber da, wo sie massenhaft auftraten, waren sie durch brutalen Zwang hervorgerufen. Ich erinnere nur an die „Bekehrungen", •welche die Wut der Kreuzfahrer oder der entfesselte Fanatismus zur Zeit des schwarzen Todes zuwege brachte — ganz zu geschweigen von den unglücklichen Marranen Spaniens, die zu vielen Tausenden die Larve des Christentums vornehmen mussten. Was war aber die Ursache, dass die Juden,' welche anderthalb Jahrtausende hindurch, allen Verfolgungen und Erniedrigungen zum Trotz, mit unerschütterlicher Treue ihrem Glauben angehangen hatten, gerade dann zum Abfall geneigt wurden, als die Sonne der Freiheit auch die dumpfen Strassen des Ghetto zu bestrahlen anfing? Während der langen Jahrhunderte des Druckes bildeten die Juden eine Welt für sich. Verachtet und gehasst, verkannt, gemieden und verfolgt, schlössen sie sich in ihrem Kreise eng zusammen und lebten hier als eine Nation, die in Glaube und Sitte., Sprache und Litteratur, Nahrung und Kleidung, Aussehen und Beschäftigung streng von der sie umgebenden Welt geschieden war. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kam es jedoch vor, dass einzelne aus diesem Kreise herausstrebten, um sich allgemeine, auch gelehrte Bildung zu erwerben. Besonders gelangte Moses Mendelssohn (1729—1786) zu anerkannter Bedeutung und wurde für viele ein leuchtendes Vorbild. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Aufklärung, wenigstens in den grossen Städten, verbreitet hat. Am 29. Juni 17.79 schrieb Moses Mendelssohn an August v. Hennings: „Meine Nation ist in einer solchen Entfernung von Kultur gehalten, dass man an der Möglichkeit einer Verbesserung verzweifeln möchte." Und am Ende des Jahrhunderts war man bereits so weit, dass der Oberrabbiner von Berlin, Hirschel Lewin, nach Palästina auswandern wollte, weil die Aufklärung, die mit Verachtung väterlicher Sitte Hand in Hand ging, gar zu sehr überhand nahm. War doch sein eigener Sohn, obgleich selber Rabbiner, bereits in bedenklicher Weise davon angesteckt. Seitdem die Juden in immer grösserer Zahl ihr Sonderleben aufgaben, waren sie genötigt, sich ihrer Umgebung zu assimilieren. Es galt aber nicht bloss, andere Sprache und Kleidung anzunehmen, sondern man musste auch die überkommenen religiösen Gebräuche und die Religion selber mit der neuen Bildung in Einklang bringen. Vielen der Aufgeklärten jedoch war infolge ihres Bildungsganges die Religion gleichgültig, ja ein Gegenstand der Abneigung geworden. Gleichwohl sahen sie sich auf Schritt und Tritt daran erinnert, dass sie Juden seien. Der Staat behandelte alle Juden, gebildete und ungebildete, als Fremde, und das Beispiel Frankreichs, das 1791 den Israeliten Bürgerrechte verliehen hatte, fand zunächst wenig Nachahmung. Aber auch als seit Mitte des 19. Jahrhunderts in den meisten Staaten die Judenemanzipation vollzogen war, suchte man ihnen vielfach die gesetzlich garantierten Rechte zu verkümmern und war überdies wenig geneigt, auch gesellschaftliche Gleichberechtigung zuzuerkennen. Bei dem herrschenden Indifferentismus standen dem Uebertritt zur herrschenden Religion nur zwei Bedenken entgegen: einerseits scheuten sich viele, wenn ihnen das Judentum auch nichts mehr galt, gänzlich das Band zu zerreissen, das sie von Geburt an mit ihren Stammesgenossen verknüpfte, und auf der anderen Seite waren ihnen die christlichen, der Vernunft unzugänglichen Dogmen ein schwerer Stein des Anstosses. Es hat gewiss oft Seelenkämpfe genug gekostet, ehe der Schritt unternommen wurde. Gemeine Naturen erlagen freilich schon, wenn ihnen der Versucher ins Ohr zischelte: Lass dich taufen und verwandeln! Mancher that's, und mit vier Rossen, Homklang kommt er nun geschossen, Der einst umrief: „Nichts zu handeln?" So mancher blieb zwar für seine Person beim Judentum, aber eingedenk der Hindernisse, die ihm als Juden in den Weg gelegt worden waren, ehe er es zu etwas bringen konnte, opferte er seine Kinder dem Fortkommen, diesem modernen Moloch, und liess sie taufen. Viele nahmen, um eine Christin zu heiraten, deren Religion an. Die Möglichkeit, auch in der Ehe mit einem christlichen Gatten die jüdische Religion beizubehalten, wurde für Preussen 1874 durch Einführung der obligatorischen Civilehe