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Ost und West · 1901-04-01 · Heft 4 (April 1901) · p. Seite 307 - 308

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 4 (April 1901)
Article
Der Orient als Kolonisationsgebiet
Date
1901-04-01
Page
Seite 307 - 308 (sequence 2)
Language
German
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307 Miscellen. 30* keineswegs bei seinen Reiseschilderungen auf die theologischen Gesichtspunkte und die Vergangenheit dieser Länder, sondern hält die Augen offen für Gegenwart und Zukunft dieser lang vernachlässigten Gebiete., deren Erschliessung eines der wichtigsten Probleme unserer Tage darstellt. Aus einem seiner letzten Briefe sei folgendes hier wiedergegeben: Welch ein reiches, dichtbevölkertes Kulturland muss dieses Syrien noch während der letzten Jahrhunderte vor der Invasion des Islam gewesen sein! Zumal wenn ich die gestern während des Rittes hierher gesehene Menge von Ueberbleibseln einer starken Besiedelung des ganzen Dschebnl-Senmn mit den immens kostspieligen Prachtbauten des Simeonsklosters zusammenhalte, wenn ich ferner diese weitgedehnte Ruinenstätte von Telanissus hier unterhalb des Berges und dazu selbst nur das an alten Städteanlagen nehme, was der rings am Horizont entlang schweifende Blick von hier aus mit einem Male übersieht, so drängt sich die staunende Frage auf die Lippen: "Wenn hier in diesen von Natur so unwirtlichen Stein- und Berglandschaften so viele Menschen gelebt haben und so gebaut worden ist — wie dichtbevölkert, wie bebaut und wie wohlhabend müssen dann erst die Ebenen, die eigentlichen grossen Fruchtlandschaften des weiten Gebietes zwischen dem Euphrat und dem Mittelmeer, damals gewesen sein? Und wieder wie beim Ritt über die assyrische Erde, wie beim Verweilen auf dem Schutte von Nisibis und beim Hinausblicken über das ganze obermesopotamische Land von der Höhe Mardins aus, so trat mir auch jetzt in farbiger Klarheit das Bild vor Augen, was sein würde, wenn die segenspendende, lebenerweckende Macht staatlich-gesellschaftlicher Ordnung und abendländischer Kultur hier einst wieder walten würde. Was hier gewesen ist, das kann auch wieder werden — es ist nicht tot; all dies*Land vom Mittelmeer an über den Euphrat und Tigris hinaus bis an den hohen Wall von Iran, sondern es schläft! Jeder Stein hier aus dem kahlen Gebirge, der zu Quader oder Säule, zu Kapitäl oder Gebälk verarbeitet worden ist — jede Oelkelter und jede (isterne, die vor zweitausend Jahren Bauer und Bürger des seleucidischen und des römischen Reiches hier in den Felsboden gehauen haben, sie alle reden und zeugen mit lauter Stimme davon, dass hier einstmals eine Fülle von Menschen, Wohlstand und Gesittung existiert hat, nicht kleiner und geringer als drüben am West- und Nordrand des Mittelmeerbeckens, des alten orbis terrarum. Wer wird der Ritter sein, der diese schlafenden Schwestern, Mesopotamien und Syrien, einst wecken wird? Gebe* Gott, dass das Eisen zu seinem Schwert und Harnisch aus deutscher Erde geholt wird! Auch hier liegt ein Stück zukünftiger Weltmacht — und kein kleines. APHORISMEN. Etliche sagen, dass des Rittertums Zeit verklungen und der Geist der Romantik erloschen sei. Nimmermehr aber ist die Zeit der Ritterthaten vorüber, solange ein Unrecht ungesühnt auf der Erde lastet, und solange ein Mann oder ein Weib den Mut hat zu sagen: ich will dem Unrecht wehren oder untergehen. # Die Geistlichen haben gesagt, die Bibel predige Geduld, während sie dem Volke verschwiegen, dass die Bibel ihm die Freiheit verspricht: sie haben gesagt, die Bibel predige die Rechte des Eigentums und die Pflichten der Arbeit, während sie für einmal, dass sie dieses thut. zehnmal predigt von den Pflichten des Eigentums und den Rechten der Arbeit. Charles Kingsley* Die Kunst der Zukunft wird keine „kleine Kapelle" sein, sondern eine ungeheure Kathedrale, weit genug, um die ganzeMenschheit aufzunehmen. Und das wird ja gerade ihr Beruf sein: die geweihte Stätte zu sein, wo die Menschen sich wieder zur Gotteskindschaft erheben, zu der auf überwundenen Entwickelungsstufen der Glaube sie erhoben bat. Max Kord au. Die ganze moderne Civilisation leitet sich vorzüglich von den Juden und Griechen ab. Die Griechen bildeten das humane und intellectuelle Element; die Juden das göttliche und moralische. Der Anteil der Juden ist, wenn auch nicht der glänzendere, so doch gewiss der erhabenere und teuerer erkaufte* (Guizot: Meditations sur Fessence de la religion chretienne. Paris, 1864. p. 227.) ^f*>&>

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