Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Synagogale Kunst
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 275 - 276 (sequence 1)
- Language
- German
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275 276 SYNAGOGALE KUNST, Von Binjamin Segel, Berlin. Längst schon haben die altertümlichen jüdischen Gotteshäuser im Gebiete der ehemaligen Republik Polen die Aufmerksamkeit der Kunsthistoriker auf sich gelenkt. In seinem Werke „Die mittelalterlichen Kunstdenkmale der Stadt Krakau" gab Essenwein eine ausführliche und getreue Schilderung der alten Synagoge auf dem Kasimir — dem nach König Kasimir dem Grossen benannten, den Juden eingeräumten Stadtteil von Krakau —, versehen mit einer Reproduktion des wunderschönen, wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert stammenden Almemors, der von einem turmaytig gebauten, mit einer Kuppel versehenen, schmiedeeisernen Gitter umgeben ist. Diese Synagoge, welche, wie Bersohn festgestellt hat, in einem amtlichen Dokumente aus dem Jahre 1532 Synagoga Polona — polnische Synagoge, wahrscheinlich zum Unterschiede von "den durch neu hinzugewanderte böhmische Juden erbauten Gotteshäusern — genannt wird, soll der Sage nach schon im 11. Jahrhundert erbaut worden sein. Alte Leute von Krakau pflegten stolz aut das neunhundertjährige Alter ihrer grossen Synagoge hinzuweisen. Das ist nun natürlich übertrieben. Als das früheste Datum der Existenz dieses Bauwerkes lässt sich aus einer auf dem Stein über der Almosenbüchse am Eingang angebrachten Inschrift das Jahr 1407 ermitteln. Doch nach dem Stil der augenscheinlich ältesten Bestandteile zu urteilen, muss dieser Bau mindestens 80 bis 100 Jahre früher aufgeführt worden sein. Erheblich iünger scheint die grosse Vorstadt-Synagoge von Lemberg zu sein, obgleich eine lokale Tradition ihr ein Alter von mehr als sechs Jahrhunderten zuschreibt. Und die alte Synagoge in Posen dürfte spätestens aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammen. Schon allein das Vorhandensein solch alter, dem jüdischen Gottesdienst geweihter Stätten lässt vermuten, dass Polen für die Erforschung der Kunstthätigkeit unter den Juden der vergangenen Jahrhunderte ein Feld darbietet, welches reichliche Ausbeute verheisst. Aber ausser den grossen, aus mächtigen Quadern aufgeführten Tempeln der alten Hauptgemeinden dieses Landes fesseln die bescheidenen, meist aus Holz bestehenden Synagogen in den zahlreichen kleinen Provinzstädten durch die Merkwürdigkeit ihres Stils und die grosse Anmut ihrer Formen, wie auch durch manche in ihnen aufbewahrte gottesdienstliche Geräte von hohem Kunstwert unsere Aufmerksamkeit. Leider hat der bekannte Konservativismus des polnischen Juden, der streng an der überlieferten Raumgliederung beim Synagogenbau festhält, die stilistischen Eigentümlichkeiten dieser Baudenkmäler, namentlich auch was die Ornamentik betrifft, nicht vor argen Verunstaltungen, besonders bei Renovierungen, zu bewahren vermocht. Die ersten, welche unseres Wissens auf die originelle Schönheit und die kunsthistorische Bedeutung dieser kleinen Holzsynagogen der polnischen Landstädtchen hinwiesen, waren die polnischen Forscher Siegmund Gloger und Eduard Chlopicki. Namentlich der erstgenannte, ein auch sonst hochverdienter Archäologe, hat im Jahre 1874 von der Synagoge in Wysokie Mazowieckie eine Schilderung und Abbildung veröffentlicht. Einige Jahre später beschrieb er u. a. eine ähnliche, aber künstlerisch viel interessantere und schmuckreichere Synagoge, nämlich die von Nasielsko, die mit ihrem schönen und ernsten Aussehen und mit ihren kunstvollen Schnitzereien uns als das Werk eines nicht zu unterschätzenden Meisters anspricht. Eduard Chlopicki schilderte (1875) die Synagoge zu Ostropol, welche besonders durch die merkwürdigen und originellen Formen ihrer beiden Seitenflügel und des Vorbaues beim Hauptportal mit dem pyramidenartigen Dach, wie auch durch die schlichten, aber hübschen und anmutigen Schnitzereien an den Treppengeländern seine Aufmerksamkeit fesselte. Im Jahre 1889 veröffentlichte Ludwig Wierzbicki im zweiten Hefte des IV. Bandes der von der Krakauer Akademie der Wissenschaften herausgegebenen „Sitzungsberichte der kunsthistorischen Kommission" eine mit zahlreichen Abbildungen versehene Beschreibung der alten Holzsynagoge von Jablonow, einem kleinen, um die Mitte des 15. Jahrhunderts gegründeten Städtchen an der Luczka, einem Nebenflusse des Prut. Es ist dies eine sehr liebevolle, auf die kleinsten Einzelheiten eingehende Studie, die nebenbei viele für den christlichen Leser notwendige, für den jüdischen entbehrliche Erklärungen enthält. Der Verfasser stellt sogar in grossen Umrissen eine ganze Theorie der Entwicklung der Kunst bei den Juden auf, welche aber irotz mancher treffenden Bemerkungen im Holzsynagoge zu Tabludow.