Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Ludwig Wihl
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 269 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583881-2608641--00360-2608712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
269 LUDWIG WIHL Er ist fast ganz vergessen. Die Literaturgeschichten für Geschenkzwecke kennen ihn nicht. Gervinus erwähnt ihn nur. Ein paar anerkennende Zeilen widmet ihm Kurz. Der Artikel für die Allgemeine Deutsche Biographie, der Heinrich Frankel zum Abschreiber hat, zeigt nur, dass selbst für ein solches Standard work — über einen Juden! — geschrieben wird dergestalt, dass bei keinem Leser auch nur der leiseste Verdacht auf Sachkenntnis rege werden könnte. Es ist unzweifelhaft, dass Herr Frankel nicht einmal den Gedichtband in Händen gehabt hat, der allein die Aufnahme Wihl's in die ADB veranlasst hat. Freilich sind die „"West-östlichen Schwalben" ein überaus seltenes Buch: nicht geworden, sondern immer gewesen. Die deutsche Ausgabe ist heut wohl nur in wenigen Exemplaren vorhanden. Anders die französische Uebersetzung, die ein begeisterter Verehrer Wihl's, Herr Pierre Mercier, im Jahre 1860 (Paris, Librairie Hachette) herausgegeben und mit einem geradezu dithyrambischen Essay über den Dichter eingeleitet hat. Diese Einleitung — die Herr Fränkel natürlich auch nicht kennt — ist die wichtigste, wenn auch nicht ganz ungetrübte Quelle für Wihrs Leben. Hier erfahren wir auch, dass der Verleger der deutschen Ausgabe, Heinrich Hoff in Mannheim, wegen politiscben Vergehens gerade beim Erscheinen der Gedichtsammlung (1847) fliehen musste, ohne etwas für den Vertrieb des Werkchens gethan zu haben. Indessen haben die „Schwalben" — die den freisinnigen Ständemitgliedem des vereinigten preussischen Landtags gewidmet sind — wo sie auch hinflatterten, gewaltiges Aufsehen erregt; und es wäre nicht uninteressant, die zahlreichen Aeusserungen der kritischen Tonangeber jener Zeit im einzelnen zu verfolgen: es würden sich nicht gerade unebene Leitmotive für die Auffassung ergeben, die Nichtjuden sich von der Neuerstehung jüdischen Lebens im alten Heimatlande gebildet hatten. Wenn Wihl auch sicher nicht die Leuchte gewesen, für die er sich gehalten, so hat er doch in einer Reihe gerade seiner Palästinalieder herrliche und weihevolle Töne der Sehnsucht und der Heimatliebe gefunden. War er auch kein gewaltiger Dichter, ein echter, stolzer Jude ist er sicher gewesen. Er hatte es früh beweisen müssen. Am 24. Oktober 1807 in Wevelinghofen bei Aachen als das Kind armer, jüdischer Eltern geboren, wurde er in jungen Jahren zum Studium der jüdischen Litteratur angehalten. In Krefeld sass er zu Füssen des geachteten Rabbiners Jehuda Loeb Karlburg. Später kam er in das protestantische Gymnasium von Köln, das er mit den besten Empfehlungen verliess, um Philosophie und orientalische Wissenschaften zu studieren. In Bonn waren Freytag und Lassen, Niebuhr und Schlegel seine Lehrer; in München Schelling, Thiersch, Oken, Goerres. Hier wurde er auch auf Grund einer Dissertation über phönizische Inschriften, die in Fachkreisen sich grossen Beifalls erfreute, zum Doktor promoviert. Allein trotz der Fürsprache seiner einflussreichen Gönner — des Erzbischofs von Köln, Spiegel von Desenberg, des Dichters und Ministers Eduard von Schenk und seines Lehrers Schelling — suchte er ohne Erfolg seinen Lieblingsgedanken auszuführen: sich der akademischen Laufbahn zu widmen. Die Zeiten waren dafür noch nicht reif: Friedrich Wilhelm III. hatte für jüdische Professoren keine Stätte. Und sein Volkstum abzuschwören war Wihl unmöglich. So' flüchtete er sich denn in die obligate Berufszuflucht für fähige Juden — er wurde Journalist. In Frankfurt a. M. trat er in die Redaktion des „Phönix", den Gutzkow herausgab. 1837 erschien dann sein erster Gedichtband in Mainz. Später finden wir den von der Begeisterung für den listig-diplomatischen Gutzkow bedenklich abgekühlten Wihl als Sprachlehrer in London, von wo er aber bald fortging, um nach Paris, „der Stadt der Hoffnungen", überzusiedeln. Hier lernte er Heinrich Heine kennen, über dessen Pariser Leben er in einem Aufsatz des „Telegraphen" — einer von Gutzkow in Hamburg herausgegebenen Zeitschrift — berichtete. Da der Aufsatz Heine nicht vergötterte, zog sich Wihl den Hass des „ungezogenen Lieblings der Grazien" zu. Man muss nur die Briefe Heine's aus jener Zeit und dann die aus den fünfziger Jahren lesen, um zu erkennen, wie ungezogen, wenn man will wie unfein Heine sein konnte. 1840 gründete Wihl. von einem christlichen Bankier aus Frankfurt a. M. (Seufferheld) unterstützt, ein Knabenpensionat in Aachen, das aber nach l1^ jährigem Bestand einging, da die Behörden die Aufnahme christlicher Zöglinge untersagten. So musste er denn wieder weiter ziehen, bis er nach längerem Aufenthalt in Amsterdam und Utrecht eine Redaktionsstelle in Paderborn erhielt. Aber Wihl — der verpfuschte Professor und verlorene Dichtersmann — war für den Dienst einer politischen Zeitung in der scharfwindigen Zeit von 1848 nicht glatt genug. Ein unvorsichtiges Wort brachte ihm eine einjährige Festungsstrafe ein, der er sich durch die Flucht nach Frankreich entzog. Hier trat er wiederum zu Heine und seinem Kreise in Beziehung, die äusserlich nicht gerade kühl war. Tiefer konnte sie nicht werden: Heine hatte nur Verachtung und Spott für „den Schwalbenvater Rabbi Feibusch". Möglich, dass das stark selbstbewusste Auftreten WTihl's Heine verletzte und wütete, jedenfalls scheint der Ton, den Heine zur Charakteristik Wihl's findet, durchaus unvornehm. Am liebsten nennt er ihn eine Wanze. Wihl's Gedichte nennt er einmal „den versifizierten Gestank einer herumkriechenden Wanze" (Vj. f. Litteraturgesch. Bd. V). Auch die Art, wie Alfred Meissner ihn wegen eines etwas seltsamen Liebesunfalles lächerlich zu machen sucht, trifft — glaube ich — Meissner mehr als Wihl . . . Grössere Arbeiten sind späterhin von Wihl nicht erschienen. Er suchte in französischen Zeitschriften und als Lehrer in Grenoble die Kenntnis der deutschen Litteratur und Philosophie dem französischen Publikum zu übermitteln. Ein Drama „Susanne", das er Philippson bei seinem Aufenthalt in Paris vorgelesen hat, ist weder zur Aufführung gekommen — wir besitzen einen boshaften Brief Wihl's über Laube! — noch auch gedruckt worden. Weiterhin, nach Ausbruch des deutschfranzösischen Krieges, wurde Wihl aus Frankreich ausgewiesen; er ging nach Brüssel, wo er am 16. Januar 1882 starb — eine reichbegabte Natur durch jüdische Heimatlosigkeit zerrissen, durch christliche Lieblosigkeit zertreten! . . Th. ZI.