Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Die "Haggada"
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 263 - 264 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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263 S. B.: Die „Haggada" 264 tes Brot und Bitterkraut essen." — Aber Rabbi Akiba, der hoch gestimmte Kämpfer für Israels Befreiung im hadrianischen Kriege (132), hat den bedeutungsvollen Satz hinzugefügt: „So mögest, du, o Herr, unser Gott, uns erleben lassen die künftigen Feste erfreut durch den Aufbau deiner Stadt (Jerusalem) und jubelnd bei deinem (Altar-) Dienst. . . . Wir werden dir einen neuen Lobgesang anstimmen für unsere Erlösung und unsere Befreiung." Das Passahfest wurde somit der trostreichen Hoffnung auf eine bessere Zukunft gewidmet. Nach der Rezitation der „Erzählung" folgte das gemeinsame Mahl, und war dies beendet, so wurde die Feier mit dem Tischgebet abgeschlossen. Indessen schien dies im Mittelalter noch nicht feierlich genug zu sein, man fügte daher einen zweiten Teil zu, der verschiedene Psalmen und neuere liturgische Dichtungen enthält. Die allerletzte Stelle, namentlich die Zahlenrätsel („Wer kennt Eins? Eins kenne ich" u. s. w.) und das Lied vom Lämmchen, das die Katze gebissen (die sinnbildliche Bedeutung dieses Liedes ist noch immer strittig), findet sich nicht im portugiesischen Ritus. Bekanntlich wird der zweite Teil mit einer feierlichen, ja fast schauerlichen Handlung eröffnet. Es wird nämlich die Thüre geöffnet, und der Hausvater spricht feierlich die Bibelverse1) aus: Schütte deinen Grimm über die Völker aus, Die dich nicht erkennen; Und über die Geschlechter, Die deinen Namen nicht anrufen. Denn sie haben Jakob verzehrt, Es aufgerieben und vernichtet, Und seine Wohnstätte verwüstet. Ergiesse über sie deinen Zorn, Und deine Zornesglut möge sie erreichen! Verfolge sie in (deinem) Zorn Und vertilg' sie unter dem Himmel des Herrn! Nicht alle Riten haben diese Verse; der portugiesische und arabische (jemenitische) Ritus hat nur den ersteren aus Jeremias. Ich will mich nicht abmühen, diesen Brauch, den Böswillige oder Narren den Juden zum Vorwurf machen könnten, zu verteidigen. Es ist dies eine alte Erfahrung, dass gerade jene, die sich über Lieblosigkeit und Unduldsamkeit anderer beklagen, stets selber die lieblosesten und unduldsamsten Menschen sind. Man denke an die schwere Zeit der blutigen Verfolgungen des Mittelalters, und man wird den Aufschrei Sft^ greiflich, „menschlich, allzumenschlich" finden. Hingegen wird es der Aufklärung bedürfen, warum bei der Rezitation dieser Verse die Thür geöffnet zu werden pflegt. Meines Erachtens muss dies in dem Umstand gesucht werden, dass man nicht bei geschlossenen Thüren einen Fluch aussprechen wollte. Er durfte und sollte ja nicht im Hause bleiben^ Indessen haben wir auch verschiedene andere Erklärungen für diesen Brauch; am einleuchtendsten ist wohl die, dass man zur Zeit, wo die blödsinnige und teuflische Ritualmordbeschuldigung gegen die Juden erhoben worden ist, die Thüre öffnete, um jedermann zu zeigen, dass man da drinnen keine geheimen Dinge treibt. Oder man wollte nachsehen, ob nicht irgendwer eine Kinderleiche unterschoben hätte, was in jenen Tagen häufig genug geschah. Da dieser "Wahnwitz heutzutage sozusagen vor den Augen der civilisierten Welt sein Unwesen treibt, dürfen wir nicht mehr über die Furcht unserer Väter die Achsel zucken. Nachdem der Text der „Haggada" festgestellt war, wurde er später zum Gegenstand der musikalischen Komposition gemacht. Verschiedene Stücke der „Haggada" werden nach bestimmten Melodien gesungen, und manche Haggada - Ausgaben haben auch die dazu gehörenden Noten. Aber noch mehr als die Musik hat sich die Malerei dieses volkstümlichen Buches bemächtigt. Es bildete seit jeher für kunstsinnige Naturen den Stoff für Illustrationen und malerische Erfindung. Bücher-Illustrationen waren zwar bei den Juden selten, aber immerhin kommen solche vor, insbesondere bei den Gebetbüchern für die Feiertage und bei den Estherrollen, d. h. bei den Rollen, aus denen am Puiimtage das biblische Buch Esther vorgelesen worden ist. Indessen wurde kein Buch bei den Juden so häufig und so einer tausendfach gemarterten Nation nur zu bebsvrb'w U\W Dn j?ttfnrmn -in a\D nj&rw miv i) Jeremias 10, 25; Klagelieder 3, 06. Psalm 69, Die vier typischen Gestalten aus der Pessach Hagg-ada. Aus Kohut: Geschichte der deutschen Juden. Deutscher Verlag, s Berlin SW,