Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Die jüdische Bevölkerung Preußens am Ende des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 2)
- Language
- German
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227 Miscellen. 228 Schusses der Geburtsüber die Todesfälle, ist die Folge des starken Sinkens der Geburtsziffer bei den Juden. Im Jahre 1877 wurden gegen 11 000 jüdische Kinder in Preussen lebend geboren, 20 Jahre später weniger als 8000. Dieser Rückgang rührt nicht von einer Verminderung der Zahl der Eheschliessungen, sondern im wesentlichen von einer Abnahme der Kinderzahl in den einzelnen jüdischen Ehen her. Redner bringt diese Erscheinung mit dem späteren Abschluss der Ehen in der Gegenwart und der infolgedessen kürzeren Dauer der Ehen in Zusammenhang und insbesondere mit der Veränderung der EebensVerhältnisse. Diese Veränderung besteht einmal in der Hebung der materiellen Lage, deren Besserung teilweise auf die Emanzipation, teilweise auf den Aufschwung Preussens auf den Gebieten des Handels und der Industrie zurückzuführen ist. und zweitens in der beträchtlichen Zunahme der geistigen Bildung unter ihnen, die besonders deutlich durch den hohen Prozentsatz jüdischer Schüler und Studierenden auf den höheren Lehranstalten und Universitäten Preussens illustriert wird. Trotz der Verdreifachung hat die Zahl der Juden in Preussen im Vergleich zu der der Christen durchaus nicht zugenommen, da auch letztere sich in dem gleichen Maasse vermehrt haben. Der Eindruck eines stärkeren .Anwachsens der Juden wird nur hervorgerufen durch die besonderen Eigentümlichkeiten hinsichtlich ihrer örtlichen Verteilung im Lande, sowie ihrer beruflichen Gliederung. Typus einer russisch-litauischen Jüdin. (Nach einer Photographie von Juclinin, Slutzk.) APHORISMEN. Die Thatsache begegnet uns häufig in der Geschichte der Menschheit, dass ein Volk im eigenen Lande und mit eigener Kultur von einem anderen mächtigeren Volke besiegt, unterjocht und seiner freien Selbständigkeit beraubt wird. Viele Völker sind daran völlig zu Grunde gegangen: von den Siegern beherrscht, zur Frohne herabgedrückt, welche jedes eigene Streben ertötet, haben sie mit der Zeit ihre Eigenart und ihre Kultur eingebüsst, und so sind sie denn im Herrenvolke als minderwertige Glieder aufgegangen und aus der Reihe der Nationen verschwunden. Andere Völker dagegen haben es vermocht, sich aufzuraffen; die Besiegten sind wiederum Sieger geworden, und mit wiedergewonnener Freiheit und Selbständigkeit haben sie den Weg eigener Kulturthätigkeit fortgesetzt. Unerhört aber ist es in der ganzen Geschichte des Menschengeschlechts und als eine Thatsache ohne gleichen steht es da, dass ein Stamm, welcher wegen seiner Minderheit und Besitzlosigkeit in der Fremde zur Frohne gedrückt war, ohne eigene Kultur und ohne selbständige That eine lange Zeit hingelebt hat, dennoch den Auszug aus dem Herrenlande gefunden; dass eine Sklavenhorde zu einem Volke geworden und die Bahn einer eigenen Kultur eröffnet hat. Davon, dass diese Kultur, die höchst eigenartige, religiös-sittliche Kultur, unter göttlicher Führung allmählich zur Grundlage und Triebkraft in den gewaltigen Gebilden der höchstentwickelten Nationen werden sollte, brauche ich hier nicht zu reden. In der biblischen Erzählung ist dieses einzigartige Ereignis mit zahlreichen Wundern umstellt, und in dem auf das Ideale gestimmten Gemüt der Nachkommen hat die Phantasie ihre Schwingen entfaltet und unerschöpflich Wunderlegenden hinzugedichtet. Grösser aber als alle