Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Ein salomonisches Urteil
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 225 - 226 (sequence 2)
- Language
- German
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225 Ein salomonisches Urteil. Die Sache war schwer zu entscheiden. Der Rabbi strich lange seinen grauen Bart, und der armen Esther klopfte schon das Herz vor Angst. Aber endlich hatte der Rabbi seinen Spruch gefunden: „Also sprich, Manasse, wie viel willst Du von dem Gelde?" „Neunundvierzig Gulden, Rabbi." „Also gieb ihr so viel, als Du willst, die neunundvierzig Gulden, und behalte den einen Gulden für Deine Mühe." Der Reb-Manasse jammerte und schwor das Blaue vom Himmel, herunter, aber es half ihm nichts. Noch heute loben die Juden in Brody die Weisheit des Rabbi Isaak-Hazadok, Isaak des Gerechten. E. M. Lilien. (E. M. Lilien 1894.) MISCELLEN. Henry George's „Moses" ist ein Vortrag, den der grosse amerikanische Nationalökonom im Jahre 1882 in Glasgow gehalten hat. Wie auch immer die Wissenschaft sich zu seinen Ausführungen über Moses verhalten möge, so ist doch unverkennbar, wie sehr der Autor von „Fortschritt und Armut" von „Zur Erlösung aus sozialer Not" und anderer hochbedeutsamer Werke unter dem Einflufs der mosaischen Lehre stand. — Von Henry George's Lebensgang sei kurz erwähnt, dass er im Jahre 1839 zu Philadelphia geboren, als Zwanzigjähriger nach Kalifornien ging um Gold zu graben, dann zur Journalistik überging und seine hauptsächlichsten Werke in den Jahren von 1871 bis 1893 geschrieben hat. Er starb im Jahre 1898 an dem Tage, an welchem er gute Aussicht hatte, zum Bürgermeister von Gross - New York gewählt zu werden — kein geringfügiges Amt, in welchem er wohl manche seiner Bestrebungen der Verwirklichung hätte näher bringen können. Das Ansehen und die Sympathie, die ihm Freund und Feind zollten, dokumentierte sich in der tiefen Bestürzung und ernsten Trauer, welche — mitten in dem wilden Wahlkampf — die Nachricht von seinem plötzlichen Ableben hervorrief. Sein Werk der Boden-Reform wird von der Single-Tax-League in den Vereinigten Staaten, und anderwärts von zahlreichen ähnlichen Gesellschaften fortgesetzt. Die jüdische Bevölkerung Preussens am Ende des ig. Jahrhunderts. Anlässlich einer lachwissenschaftlichen Untersuchung über die Kindersterblichkeit bei den Juden in Preussen nahm der Kinderarzt Dr. Michael Cohn Gelegenheit, sich mit ihrer gesamten Bevölkerungsbewegung im verflossenen Jahrhundert eingehender zu beschäftigen. Einem kürzlich von ihm über dieses Thema gehaltenen Vortrag entnehmen wir die folgenden Daten. Von 1816 bis 1S95 hat sich die Zahl der Juden in Preussen verdreifacht. Die verschiedenen Ursachen dieser'Vermehrung wurden eingehender erörtert, so die Frage der Uebcrtritte Andersgläubiger zum Judentume, die Höhe der Zunahme infolge der Gebietserweiterungen Preussens, die Frage der Einwanderung und Ansiedelung fremdländischer Juden, und schliesslich wurde auf die wichtigste Quelle der Zunahme, die sog. natürliche Vermehrung, hingewiesen. Letztere, in der ersten Hälfte des Jahrhunderts bei den Juden stärker als bei der übrigen Bevölkerung, ist speziell in der Neuzeit erheblich zurückgegangen, so dass sie gegenwärtig bereits bei ihnen geringer ist als bei den. Nicht]uden. Als die Ursachen der ständigen Verminderung der jüdischen Bevölkerung wurden vom Redner einerseits die Taufen, andererseits die Auswanderungen bezeichnet. Die Abnahme der natürlichen Vermehrung, d. h. des Ueber-