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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 223 - 224

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Ein salomonisches Urteil [Illustration]
Date
1901-03-01
Page
Seite 223 - 224 (sequence 1)
Language
German
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Ein salomonisches Urteil. 224 E. M. Lilien. Zeichnungaus dem Jahre 1894. EID 5ALO/AODISGME5 URTEIL. Vor vierzig Jahren war's, in einer kleinen Lralizischen Stadt. Da begegnete Reb-Schmul dem Reb-Manasse. „Schulem-aleichem", sagte Reb-Schmul. ,? Aleich em-schulem", sagte Reb-Manasse. „Wohin gehen Sie?" fragte Reb-Schmul, und der Reb-Manasse antwortete: „Wo werd1 ich hingehen? Ich geh' nach Ihody." Da hat der Reb-Schmul eine grosse Freude gehabt und war sehr beglückt über den Zufall, denn er hatte eine Bestellung nach Brody. Fünfzig Gulden wollte er seiner Frau schicken, der Esther, und der Post traute er nicht recht. Da bat er den Reb-Manasse, der Esther das Geld zu überbringen. „Gern*1, sagte der. Aber die Hälfte wollte er für die Mühe des Ueberbringens. Ob er mescbugge sei? meinte der Andere. Einen Gulden wollte er geben. Manasse aber zuckte die Achseln. Er wollte was haben für seine Mühe. Dem Reb-Schmul kam aber ein Gedanke. Er gab dem Reb-Manasse die fünfzig Gulden und sagte: „Gieb der Esther so viel davon als Du willst." An seine Frau schrieb Schmul aber einen Brief: sie sollte sich nur an den Rabbi wenden, wenn der Reb-Manasse sie allzustark übers Ohr hauen wollte. Des letzteren Reise dauerte drei Tage. Er überbrachte der Esther in Brody die Grüsse ihres Gatten und erzählte ihr, wie ihm Schmul die fünfzig Gulden gegeben und dazu gesagt: ,,Gieb der Esther so viel davon als Du willst!" Und dann gab Reb-Manasse der Esther einen Gulden, denn neunund vier zig wollte er. Die Esther schrie: „Räuber, Dieb, Betrüger! Gieb mir meine fünfzig Gulden!" Reb-Manasse sagte: „Ich gebe Dir so viel, als ich will!" Man ging zum Rabbi. Der alte Graubart Hess sich den Hergang der Sache erzählen, und haarklein berichtete ihm Reb-Manasse alles, zuvörderst das, was ihm Reb- Schmul gesagt: „Gieb der Esther davon so viel, als Du willst."

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