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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 191 - 192

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
[Illustration]
Date
1901-03-01
Page
Seite 191 - 192 (sequence 1)
Language
German
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191 192 E. M. Lilien. (Berlin.) ALFRED NOSSIG'S SKULPTUREN. Von Robert Jaffe. Es gab lange seltsame Zeiträume — und sie liegen eigentlich nicht allzu weit hinter uns —, in denen die jüdischen Künstler, wie manche Blumen ihre Kelche der Morgensonne, ihre Eigenart der Verleugnung ihrer Abstammung hingaben. Sie erwarben dafür heimliche, peinliche Erwägungen, parties konteuses, und nahmen in ihre höhere Sphäre alles das hinüber, was ein jüdisches junges Mädchen empfindet, das sich im Pensionate nicht als Jüdin erkennen lassen möchte, und in dem Gelingen dieser Verkleidungskomödie ihr ganzes Heil sieht. Die Dichter outrierten an ihren Gestalten mit auffälliger Geflissenheit den christlichen Glaubenseif er. Sie schrieben gern von „Madonnen", „Magdalenen", und waren aus ganzer Seele geneigt, gleichsam zur Beglaubigung, in ihren Dialogen die Ausrufe: „Jesus Christus!" und dergleichen anzubringen. Aber sie konnten nicht verhindern, dass dieses sonderbare Gebahren als zweideutig empfunden und nicht ganz ernst genommen wurde. Der Kritiker einer konservativ - orthodoxen illustrierten Familienmonatsschrift schrieb einmal von dem „Magdalenen"-Roman eines jüdischen Schriftstellers, dass den Träger solch eines alttestamentarischen Namens schon der feinere Takt zurückhalten müsse, die Handlung seines Romans in einen christlichen Pfarrhof zu verlegen, und andere Kritiker bezogen sich auf andere (z. B. „Madonnen"-) Werke. Nun könnte die Neigung zum Scholastischen und Methodischen einen durch talmudische Schulung vorbereiteten Juden in der That so zu der Dogmatik der christlichen Religion führen, dass er später einmal die Uebersiedelung ganz vergessen hat. Aber dies kann sich doch gar nicht auf die jüdischen Künstler beziehen. Diese wollten ihre Kunst nur benutzen, um sich von dem allgemeinen, niemals und nirgends segensvollen Schicksale des Judentums zu entfernen, indem sie eine besondere christliche oder fremdnationale Gesinnung auffällig zur Schau stellten; wenn sich Künstler auch sonst im Bewusstsein ihrer Gnaden als vom übrigen Volke ganz verschieden betrachteten, so sahen die jüdischen Künstler in ihrer Kunstübung ein enges Pförtlein, durch das sie als die einzigen, all er einzigen Ausenvählten von ihrem Volke, und unbekümmert um das äussere und innere Schicksal der übrigen, zu besonderen Gnaden eingehen könnten. Aber gerade der Künstler kann sich niemals ohne empfindliche Schwächung von seinem Volke trennen. Alles, was er ist und was er kann, ist nichts anderes als ererbte, seit langen Zeiten aufgespeicherte Seelenkraft schlichter Vorfahren. Eine Vorfahrin hat in edler, stummer Selbstverleugnung ein ganzes Leben bei einem unwerten Mann in einer fremden Stadt ausgehalten, damit die Eltern in der Heimat nicht erführen, wie unglücklich sie den Gatten für sie ausgewählt; ein anderer Vorfahr trug schon in einem primitiven Zeitalter seidene Wäsche, die aus Paris bezogen war, und noch ein anderer kämpfte unter einem fremden königlichen Eroberer als Oberst mit hervorragender Auszeichnung. Sie alle haben dem Nachfahren die mannigfaltigen Seelen- und ästhetischen Kräfte hinterlassen, die in einer oeseoneten Stunde aus ihrem

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