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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 163 - 164

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Moses
Date
1901-03-01
Page
Seite 163 - 164 (sequence 2)
Language
German
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163 Henry George: „Moses". 164 Aber gleichviel, ob wir Moses in dieser oder jener Weise auffassen, es mag der Mühe wert sein, den Standpunkt einzunehmen, wo alle Schattierungen von Glauben und Unglauben einen gemeinschaftlichen Boden finden — die Hauptzüge der jüdischen Quellen und Traditionen zu acceptieren und sie zu betrachten im Lichte der Geschichte, wie wir sie kennen und der menschlichen Natur, wie sie sich noch heute zeigt. Es ist ein Fall, wo die biblische Geschichte behandelt werden kann wie die profane, ohne das religiöse Gefühl irgendwie zu verletzen. — Selbst die schärfste Kritik kann Moses nicht zur Mythe machen — die Thatsache des Exodus zwingt uns, einen solchen Führer anzunehmen. Ein lange unterdrücktes Volk in die Freiheit zu führen, eine solch grosse Masse im Zaum zu halten, sie zu Kämpfern abzuhärten, vor denen kriegerische Stämme zerstoben und die Mauern der befestigten Städte sanken, Unzufriedenheit, Eifersucht und Meuterei zu unterdrücken, Rückschläge zu bekämpfen, die schnelle, stolze Flamme der Begeisterung in den stetigen Dienst der Sache zu zwingen, — das alles verlangt einen turmhohen Charakter — einen Charakter, der im hellsten Lichte die Eigenschaften des Politikers, des Patrioten, des Philosophen und des Staatsmannes zeigt. Solch einen Charakter in groben, aber 'starken Konturen zeigt uns die Tradition — eine Vereinigung ägyptischer Weisheit mit der selbstlosesten Aufopferung. Vom Anfang bis zum Ende, in allem, was wir von ihm sehen — ist dieser Charakter in Uebereinstimmung mit sich selbst und mit dem grossen Werke, das sein ewiges Denkmal bildet. Es ist der Charakter eines erhabenen Geistes, der eingeengt von Bedingungen und Begrenzungen, sich begnügen muss mit den Kräften und dem Material, das er vorfindet, dessen Leistungen, wie gross sie auch sein mögen, nur ein schwacher Abglanz des grossartigen Gedankens sein können. Aegypten war die Gussform der jüdischen Nation — sozusagen die Matrize, in der eine einzelne Familie oder im besten Falle ein kleiner Stamm sich aus wuchs zu einem Volke, so zahlreich wie das amerikanische Volk zur Zeit der Unabhängigkeits-Erklärung. Vier Jahrhunderte hindurch — wenn wir uns an die Daten der hl. Schrift halten — also länger als Amerika den Europäern bekannt ist — stand dieses wachsende Volk, die Nachkommen einer patriarchalischen Hirtenfamilie, unter der Herrschaft einer hochentwickelten, uralten Kultur — einer Kultur, deren Stetigkeit ihren Ausdruck gefunden hat in Monumenten, die an Dauer mit den ewigen Bergen wetteifern — einer Kultur, so alt, dass die Pyramiden, wie wir heute wissen, Jahrhunderte alt waren, bevor Abraham's Auge auf ihnen ruhte. Die Nachkommen der ersten Einwanderer, die auf die Einladung des zum Premier-Minister gewordenen Sklavenknaben nach Aegypten kamen, mögen noch so sehr sich das Bewusstsein ihrer Rassenverschiedenheit und die Traditionen von einem freieren Leben erhalten haben, so müssen sie doch mächtig beeinflusst worden sein von einer solchen Kultur. Und gerade wie die Juden von heute Deutsche in Deutschland, Italiener in Italien und Amerikaner in den Vereinigten Staaten sind, ebenso — nur in weit ausgesprochenerer Weise — waren die Juden des Exodus in ihrem innersten Wesen Aegypten Es ist daher nichts Auffallendes daran, dass die alten jüdischen Einrichtungen in so vielen Fällen den Einfluss ägyptischer Ideen und Gewohnheiten verraten. Im Gegenteil: die Unterschiede sind das Merkwürdige. Dem oberflächlichen Geist scheint nichts natürlicher, als dass ein Volk, das dem Lande seiner Unterdrückung den Rücken wendet, auch die Ideen und Einrichtungen dieses Landes aufgiebt. Wer aber die Geschichte studiert oder den Lauf der Politik verfolgt, weiss, dass nichts unnatürlicher wäre. Die Gewohnheiten des Geistes sind viel tyrannischer als die Gewohnheiten des Leibes. Sie umgeben die Massen mit einer geistigen Atmosphäre, über die sie ebenso wenig als über die physische hinausgehen können. Ein Volk, das sich an den Despotismus gewöhnt hat, mag gegen einen Tyrannen sich auflehnen, es mag seine Gesetze und Bestimmungen umstossen, hassen, was er liebte und ehren, was er hasste — aber es wird sich beeilen einen anderen Tyrannen an seine Stelle zu setzen. Ein abergläubisches Volk mag einen reineren Glauben annehmen, aber es wird ihn bald zu seinen alten Ideen degradieren. Ein Volk, das Unterdrückung zu leiden hatte, mag sich gegen sie auflehnen, aber nur um selbst Unterdrückung auszuüben, sobald es zur Macht gelangt. Denn die Verhältnisse bestimmen den Menschen. Und wenn wir bei einem Volke, das sich an Einrichtungen von einer bestimmten Art gewöhnt hatte, entgegengesetzte Einrichtungen platzgreifen sehen, so wissen wir, dass wir dahinter jenelebendige, ursprüngliche Kraft zu suchen haben: — die Männer, die im Anfang der Dinge die Zustände schaffen. Das sehen wir am Exodus. Die frappanten Unterschiede zwischen ägyptischen und jüdischen Satzungen sind nicht äusserlich, sondern prinzipiell. Die Tendenz der einen ist: Unterordnung und Bedrückung, die der anderen: die persönliche Freiheit. Eine merkwürdige Entstehung! Aus dem meist entwickelten und glänzendsten Despotismus wird die freieste Republik geboren. Empor zwischen den Klauen der Felsen-Sphinx erhebt sich der Genius menschlicher Freiheit, und die Trompeten des Exodus erklingen von der stolzen Erklärung der Menschenrechte. Man bedenke, was Aegypten war. Jahrtausende schon stehen seine mächtigen Monumente, die uns — wie einst die ägyptischen Priester den ruhmredigen Griechen — zuzurufen scheinen: „Ihr seid Kinder!" Und gerade die Grösse dieser Monumente erinnert uns an die Versklavung des Volkes — ist uns der ewige Zeuge einer Gesellschaftsordnung, die als ein erdrückendes Gewicht auf den Massen lastete. Dieses enge Nilthal, die Wiege der Künste und Wissenschaften, der Schauplatz vielleicht der grössten Triumphe des Menschengeistes, ist gleichzeitig der Schauplatz der schrecklichsten Sklaverei. Sicher im Besitz aller weltlichen Macht und mächtiger noch durch die Gewalt, die eine mystische Religion ihm verlieh, war der Pharao wie ein Gott auf Erden, und um seinem armen Kadaver ein würdiges Grabmal zu bauen, mussten Hunderttausende ihr Leben dem Frohndienst opfern. Den Klassen, die ihm zunächst standen, gehörten alle sinnlichen Freuden einer raffinierten Kultur und hohe geistige Genüsse, die die Mysterien des Tempels vor der Oeffentlichkeit verbargen. Für die Millionen aber, welche die Basis der gesellschaftlichen Pyramide bildeten, war nur die Peitsche, um sie zur Arbeit anzuspornen, und die Verehrung von Tieren, um das Sehnen der Seele zu stillen. Seit undenklichen Zeiten bis auf den heutigen Tag war das Los des ägyptischen

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