Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Revue der Presse
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 155 - 156 (sequence 2)
- Language
- German
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155 Revue der Presse. 156 zahl. Die theologische Fakultät kam dabei aus naheliegenden Gründen bisher überhaupt nicht in Betracht. Die „Magdeburgische Zeitung*' knüpft an die italienische Kabinettsfrage die folgenden Betrachtungen: „Schon seit geraumer Zeit hat man sich in Italien daran gewöhnt, als die beiden hervorragendsten Staatsmänner der jüngeren Generation Sonnino und Giolitti zu betrachten. Das politische Programm dieser beiden Parlamentarier ist in vielen Stücken dasselbe. Beide sind erprobte Anhänger des Dreibundes, beide Verfechter einer energischen Kirchenpolitik, beide kolonialen Abenteuern abgeneigt, beide erkennen die Notwendigkeit sozialer Reformen an, beide endlich sind aus der Schule Crispins hervorgegangen, in dessen Ministerien sie nach einander das Portefeuille des Staatsschatzes inne gehabt haben. Aber Sonnino ist gemässigter gesinnt als sein Nebenbuhler. In Italien gehören die Juden — Sonnino ist jüdischer Abstammung, bekennt sich aber, wie seine Mutter, zum Protestantismus — fast ausnahmslos zur konservativen Partei, und in konservativen Anschauungen ist auch Sonnino gross geworden. Giolitti hingegen, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen herstammt, ist demokratisch gesinnt. Sonnino und Giolitti zählen in der Kammer nur eine geringe Zahl, jeder vielleicht 20, veiiässliche Anhänger. Aber als Ministerpräsident könnte Sonnino für die erste Zeit auf die gesamte Rechte und die gemässigten Liberalen rechnen, und Giolitti seinerseits auf sämtliche radikale Parteien mit Einschluss der Republikaner und Sozialdemokraten." In der „Revue des Revues** (1. Januar) schreibt Dr. La Touche-Treville über neue biblische Funde u. a.: „Eine vor drei Monaten vollendete Ausgrabung legte die Stadt Lachisch, die Residenz des Königs Salomon, bloss. Die Arbeiten, welche vier Jahre dauerten, wurden von Flinders Petrie und Dr. Bliss geleitet und förderten die Ruinen von elf Städten zu Tage, die übereinander gebaut waren, und deren älteste auf 2000 Jahre v. Chr. zurückgeht, während die jüngste bis um das Jahr 400 v. Chr. gestanden haben durfte." Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" bringt einen Aufsatz über jüdische Kunst von Dr. Gustav Karpeles, aus dem wir einige Sätze unter den „Aphorismen" dieses Heftes reproduzieren. In denselben kennzeichnet sich treffend der Umschwung in der Auffassung vom Judentum, der sich in unserer Gegenwart zu vollziehen beginnt. In der „Welt** (No. 6) erörtert der hochangesehene Rabbiner Dr. J. Rülf (Bonn) die Frage: Ob wir noch Juden seien. Wir entnehmen den interessanten Ausführungen dieses greisen Gelehrten folgende Stellen: „Sind wir noch Juden? Wenn wir Juden weiter nichts besässen als unsere Glaubensgesetzlichkeit, und weiter nichts wären als eine auf dieser Gesetzlichkeit beruhende Religionsgemeinschaft, dann, ja dann müssten wir ehrlich und entschieden antworten: Nein, wir sind keine Juden mehr! Schauen wir uns doch rechtzeitig um nach einem anderen Surrogat für unser Judentum, denn damit geht es über kurz oder lang zu Ende. Aber getrost! Wir sind noch Juden und werden und wollen es bleiben bis an das Ende der Tage. Die Gesetzlichkeit ist gar nicht das Fundament, das Urwesen, die Substanz des Judentums, sondern die Nationalität. Diese Gesetzlichkeit ist erst der Ausfluss des jüdisch-nationalen Geistes und gewinnt erst durch diesen eine unerschütterliche Grundlage und ewigen Fortbestand; ohne die Nationalität aber schwebt die jüdische Gesetzlichkeit in der Luft und wird von jedem Windzuge der modernen Aufklärung und des Kulturfortschrittes verweht und verflüchtigt. Ich kann mir sehr wohl ein Judentum denken als die reine Nationalität, ganz ohne Gesetzlichkeit; die blosse Gesetzlichkeit hingegen, ohne die Nationalität als ihren Träger, so eine gewisse Werkheiligkeit, Buchstabenheiligkeit, gedankenlose Ceremonialübung ist kein wahres Judentum. Immer heisst es: „Der Du uns erwählt hast aus allen Nationen und uns Deine Thora gegeben hast"; jederzeit die Nationalität vorausgesetzt. Die jüdische Religion ohne die jüdische Nation ist bestandloses Scheinjudentum. Selbst der Glaube an den Einig-Einzigen ist geknüpft an die Existenz der israelitischen Nation. „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist der einig einzige Gott." „Israel ist der Genosse Gottes", lehrt in diesem Sinne der Talmud. Eben aus dieser Genossenschaftlichkeit schöpft das Volk seine Ewigkeit, wird es zu jenem „Am-Olam", „Volk der Ewigkeit", von welchem der Prophet redet. „Ich, der Ewige, habe mich nicht verändert, und Ihr Söhne Jacob's habt nicht aufgehört." Ich und Ihr. Was die moderne jüdische Bewegung betrifft, so meint der Veifasser, dass sowohl die Orthodoxen als auch die Neologen nicht wussten, was sie thaten, als sie ihr so heftig entgegentraten. „Die Orthodoxen nicht, denn mit all ihrer Gesetzesstrenge sind sie nicht im stände, der zersetzenden und auflösenden Macht des neuzeitlichen Kulturfortschrittes entgegenzuwirken. Die Neologen nicht, denn die arbeiten der Zersetzung und Auflösung geradezu in die Hände. Was sie da von der „erhobenen Mission" des Judentums unter den Völkern reden, ist der reinste Humbug. Von einem Judentum als Nationalität, die anderen Nationalitäten selbstbewusst, würdig und kräftig, mit aller ihrer Bestimmtheit und Bestimmung gegenübertritt, Hesse sich allenfalls so etwas noch sagen, aber nicht von einer Glaubensgemeinschaft ohne Glauben." i^+j^^*^*^^f^^9*^i&tmJ**i^*^i**mJ**^+*H**0*^t^i^*fiw^ Abonnementspreis für das Halbjahr: in Berlin Mark 3,—, in Deutschland und Oesterreich Mark 3,5<>> für das Ausland Mark 4,—. ^—,-------Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen -~~—------— ------~-~~—■--- Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. —-■---———-—- Anzeigen 75 Pfg. die viergespaltene Nonpareillezeile, grössere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVARY & Co. (Inh. HUGO BLOCH) Verlagsbuchhandlung und Antiquariat, Berlin HWM Heue Wilhelmstrasse 1, i+*mJ++^+***+^mJ****^^ Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin W., Wilmersdorferstr. 117. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Für den Anzeigenteil verantwortlich: Hugo Bloch, Berlin. — Druck von Pas s & Gar leb, Berlin W. 35.