Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Vor 70 Jahren
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 1)
- Language
- German
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147 148 MISCELLEN. Vor 70 Jahren. Im Jahre des Heils 1831 erschien eine Schrift von Gabriel Riesser: „Verteidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden gegen die Einwürfe des Herrn Dr. Paulus. Den gesetzgebenden Versammlungen Deutschlands gewidmet." Wir veröffentlichen aus dieser Schrift die folgenden, sehr zeitgemässen Stellen: „Wir sind nicht eingewandert, wir sind eingeboren, und weil wir es sind, haben wir keinen Anspruch anderswo auf eine Heimat; wir sind entweder Deutsche oder wir sind heimatlos. Oder will man im Ernst die ursprünglich fremde Abkunft gegen uns geltend machen? Will man civilisierte Staaten auf das barbarische Prinzip der Autochthonenherrschaft zurückführen? Diese Fragen bedürfen keiner Antwort." * * # Es giebt nur eine Taufe, die zur Nationalität einigte: die des Blutes im gemeinsamen Kampf für Freiheit und Vaterland. Die deutschen Juden haben sich diesen vollgültigen Anspruch auf Nationalität vollgültig erworben. — In der Marienkirche zu Lübeck las man die Namen von Juden unter denen der gefallenen Befreiungskämpfer. Nach dem Befreiungskriege hat man in Lübeck die Juden ausgetrieben. Jene jüdischen Kämpfer haben also die Schmach ihrer Glaubensgenossen mit ihrem Blute erkauft. * * * „Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören. Wir werden ihm aller Orten angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm alles opfern — nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, dass man durch solche Opfer ein Deutscher wird!" * * * Ihr zündet die Fackeln historischer Untersuchung an, um herauszubringen, ob einmal in finsteren Zeiten ein finsterer Rabbi gelehrt, dass man den anders Glaubenden weniger Treue und Glauben schuldig sei als den Glaubensverwandteil. Seht Ihr den Scheiterhaufen nicht durch die Nacht der Geschichte leuchten, der es mit Flammenzügen niedergeschrieben, „dass dem Ketzer nicht Wort zu halten?" Seht Ihr den Kaiserlichen Schutzbrief nicht zerrissen daliegen, das Wort und die Ehre des ersten Herrn in der Christenheit in den Staub getreten, „weil dem Ketzer nicht Wort zu halten?" Ich bitte Euch, brecht die Rechnung ab mit der Vergangenheit, öffnet die Gräber nicht; lasset die Toten ruhen, sie würden fürchterlich gegen Euch zeugen." * Zweierlei Mass. Im „Litt er arischen Echo4' finden wir eine Besprechung über „Juda" von Felix Dahn. Der gefeierte Autor findet Worte der höchsten Anerkennung für Münchhausen^ Dichtung und sieht sich im Anschluss daran veranlasst, auf die Kritik eines hannoverschen Blattes einzugehen, die uns — die Kritik sowohl als die Abfertigung, welche Felix Dahn ihr zu teil werden las st — in hohem Grade interessieren muss. „Nun hat die im übrigen voll und warm anerkennende Besprechung eines hannoverschen Blattes hervorgehoben, dass nicht alle Stücke (zumal dem Gegenstande nach) auf gleicher Höhe stehen, was richtig, aber wohl in jeder Gedichtsammlung nachweisbar ist, ferner das Einführungsgedicht „Euch" beanstandet, endlich aber zumal gerügt, dass der niederdeutsche Freiherr „sich mit den Männern von Juda identifiziere," in ihrem „Namen spreche": das sei unzulässig: „denn er ist kein Jude". Was das Einführungsgedicht betrifft, so enthält es für jeden Leser, der es, wie er soll und muss,. nur aus sich selbst heraus erklärt, unvermeidbar den „zionistischen" Gedanken: zurück aus eurer volk- und staatlosen Zerstreuung und hierauf begründeter Geringschätzung, zurück ins gelobte Land der Väter, dort wieder ein Volk zu werden und einen Staat zu bauen: das ist jedenfalls ein Gedanke, der sich ganz trefflich zu dichterischer Verwertung eignet, mögen auch die meisten Juden — aus vielen Gründen — nichts davon wissen wollen (wäre ich Jude, wäre ich begeisterter Zionist). Zwar erklärt jener Bericht, der Verfasser habe sich gegen den Zionismus ausgesprochen: das geht aber den Leser und Beurteiler gar nichts an: der muss sich an das Gedicht selbst und allein halten, und das kann nur zionistisch oder gar nicht erklärt werden. Die „Identifizierung" aber mit dem Judentum ist bei der Wahl dieser Stoffe gar nicht zu vermeiden, ja, ist das schönste Lob. Hat sich nicht Shakespeare mit dem mittelalterlichen Juden „identifiziert?"' Der Dichter muss sich in die Gedanken, Gesinnungen, Stimmungen, wie in die Sprache der Wesen und der Zeiten und Kulturzustände versenken, die er darstellen will: Mahomeds Gesang, Gesang der Geister über den Wassern, Lied der Städte (Lingg). Die Beispiele liessen sich ins Unübersehbare mehren: wer Odhin und die Riesen, wer Römer und erste Christen und Germanen, wer Karl den Grossen und die Sachsen, wer die Päpste und die Staufer schildert, der muss sich mit ihnen „identifizieren,"' also gegen sich selbst Partei nehmen,, indem er bald aus der Seele der einen, bald aus der der anderen heraus redet, und je inniger, je-