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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 115 - 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Lesser Ury
Date
1901-02-01
Page
Seite 115 - 116 (sequence 2)
Language
German
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115 Martin Buber: Lesser XJry. 116 die Wechselbilder des Lebens überall, im Walde, aut der Strasse, in Kaffeehäusern. Dass er Szenen aus letzteren malt, daraus machen die Vielzuvielen in Publikum und Kritik eine Etiquette und heften sie an seinen Namen. Aber er ist schon längst wieder darüber hinaus. Zwar bietet Italien, das er wiederholt besucht, zunächst nicht das rechte Material für sein Auge, aber er schafft sich sein Italien. In Holstein, 1892, entdeckter seine Lyrik der Landschaft, jenes Sprechen der schlanken Baumstämme, das ihm treu bleibt; auf Rügen und in Hamburg wächst sich in den darauffolgenden Jahren dieser zarte Stimmungston zu einem grossen, seelenvollen Landschaftsstile aus: ein scheues junges Beben geht durch seine Wälder und manchmal wie ein verhaltenes Schluchzen der Natur, das in den. Zweigen pocht und glüht. Plötzlich aber ist es wie ein Aufbrechen von Schleusen, eine stürzende Flut, eine Weltengeburt, ein riesenhaftes Walten der Schicksalshände. Alte Träume gewinnen Gestalt, wild und mühsam erst, dann sieghaft sicher auf freigewordener Bahn ringt sich das tiefste Erleben zu monumentalen Formen empor. Die grossen Bilder Ury's entstehen: 1896 „Jerusalem", 1897 das Triptychon „Der Mensch", 1898 „Adam und Eva", 1899 Jeremias" Und in diesen Bildern erst leuchtet es auf, wie Einzigartiges uns Lesser Ury bedeutet. III. Ury's erste grosse Komposition war die Bearbeitung eines biblischen Stoffes, 1883 in Brüssel gemalt: .Jakob, seinen Sohn Benjamin segnend, bevor er ihn zu Josef sendet". .Fünf Jahre später, in Berlin, vernichtete der Künstler das Bild in einer Anwandlung jener furchtbaren künstlerischen Gewissenhaftigkeit, die ihn oft an einem kleinen Fehler masslos leiden lässt. Er selbst meint, es hätte den EinfLuss Ribera's gezeigt. Wie ich Ury's Seelenart kenne, werden den Grundton dieses Werkes wohl die Worte des alten Jakob gebildet haben: „Ich aber muss sein wie einer, der seiner Kinder beraubt ist." Aber schon zwei Jahre vorher war in Ury eine andere jüdische Historien-Idee zum erstenmal aufgetaucht: das Bild der Zerstörung Jerusalems. Zunächst denkt er nur daran, einen geschichtlichen Moment in eine trauervolle Landschaft hineinzustellen. Und zwar wie es seine Art ist: nicht durch das theatralische Pathos von Helden", sondern durch das tiefere, stillere und vornehmere Pathos einer Gruppe namenloser Menschen, aus deren schlichter und phrasenloser Haltung, gerade weil sie so schlicht und phrasenlos ist, die heilige Kraft eines grossen Schicksals uns entgegenleuchtet. Von dieser ersten Konzeption des Bildes „Jerusalem" — als einer modern aufgefassten und landschaftlich abgetönten Historie — zeugen zwei Skizzen, die* um das Jahr 1881 entstanden sind. Auf der ersten ist links der zerstörte Tempel Lesser Ury. zu sehen; auf einer grossen Freitreppe, vor der Leichen der Verteidiger, zerbrochene Opfergeräte und zerrissene Priestergewänder durcheinanderliegen, sitzen jüdische Frauen und Kinder in bleichem, stummem Gram; rechts die Trümmer der Stadt, erschlagene Krieger zwischen den Steinen ihrer Häuser, und im Hintergrund eine Gruppe von Frauen und Kindern mit Säcken auf dem Rücken, in die unbekannte Ferne hinauswandernd. Ein ähnliches Bild, aber konzentrierter, zusammengedrängter und beredter, giebt die zweite, spätere Skizze. Wieder im Vordergrund eine Treppe, auf der ein Toter liegt; ganz hinten eine zertrümmerte Säulenhalle mit grossen, regungslosen Greisen, die dem Tode ins dunkle Wunderauge zu schauen scheinen; in der Mitte aber, zwischen Leichen,. eine kahle lange Bank, darauf einige Frauen: die einen niedergebeugt, die anderen ins Weite starrend. Aus dieser Bank ist nahezu fünfzehn Jahre später das Werk entstanden. Der innere Weg von jenen Skizzen zu diesem ist der Weg vom Historischen zum Monumentalen. Das Historische giebt einen Augenblick des Geschehens. Das Monumentale giebt im Augenblick eine Ewigkeit. Das Historische giebt die Endlichkeit der dargestellten Dinge, das Monumentale deren. Unendlichkeit. Im Historischen entscheidet das Können allein, im Monumentalen geht über den wesentlichen Wert des Könnens noch der unmessbare AVert des Wollens hinaus, das mehr als Auge und Hand, das eine einzige, einmal sich ausklingende und unwiederbringliche Menschenseele ist. Es ist ebenso unmöglich, das Bild .Jerusalem" in Worten erschöpfend zu schildern, wie es einer Reproduktion unmöglich ist, das in Schattierungen anzudeuten, was dort in Farben gesagt ist. Ury spricht in Farben, und das ist eine Sprache, für die keine Uebertragung da ist. Man muss seine Werke sehen — einen anderen Weg giebt es nicht zu ihm. Wenn man von ihnen redet, will man nur orientieren. Die Bank aus der zweiten Skizze ist in den Jahren gleichsam heimlich gewachsen, bis sie zur Grundlage eines grossen Bildes und zum Symbole einer Welt wurde. Nun steht sie über dem Meer, vor dem steilen Uferrand. Ein Abend kommt, reich an Sehnsucht und Schönheit. Der grünglühende Himmel ist von kleinen matten zartroten Wolken überspielt und überm Wasser spielen züngelnde Farbenflammen. Aber wer mit ganzem Auge hineinsieht, sieht den Ton des Schmerzenrätsels und das Beben unstillbarer Sehnsucht im Himmel und im Meere. Das ist Ury's Ton und Bewegung. Die lange, nackte Bank dehnt sich da aus vor Himmel und Meer. Zwei. schlanke Bäumchen strecken sich vor ihr empor; die Stimmung magerer scheuer Knabenarme ist in ihnen. Eine späte Sonne dringt \

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