Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583879--00106-2608411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Herausgegeben unter Mitwirkung von Dr. S. Bernfeld, M. Buber, Dr. Heinrich Meyer Cohn, Prof. Dr. Hermann Cohen (Marburg), Dr. Moses Gaster (London), Prof. Dr. Ludwig Geiger, Robert Jaffe, Prof. Dr. D. Joseph, Prof. L. Kellner (Wien), Prof. Dr. M. Lazarus, Dr. Rudolph Lothar, S. Lublinski, Dr. Max Nordau (Paris), Dr. Alfred Nossig, Prof. Dr. Martin Philippson, Nahida Remy, Dr. J. Sadger, Dr. Ernst Tuch, Prof. Dr. Otto Warburg u. a. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseit« Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Heft 2 Februar 1901 BEDUERFEN DIE DEUTSCHEN JUDEN EINER OESAMTORGANISATION? Eine Betrachtung von Prof. Dr. Martin Philippson. In der Tiefe jeder Volksseele wurzeln die mannigfachsten Gegensätze, Folgen ihrer geschichtlichen Entfaltung. So auch in der Seele des jüdischen Stammes. Jeder seiner einzelnen Angehörigen lebhaft, selbstbewusst, zur Höhe strebend, mit dem Wunsche, sich zur Geltung zu bringen — als Gemeinsamkeit verschüchtert, ängstlich, nur darauf bedacht, sich zu verbergen, zu verschwinden. Das harte Geschick, das viele Jahrhunderte hindurch diesen Stamm betroffen, hatte eben den einzelnen in den schwierigsten Kampf ums Dasein hinausgestossen und hiermit alle Eigenschaften, die ihn dazu befähigten, in ihm entwickelt; aber die jüdische Gemeinschaft war ja das Drückende, das auf dem Individuum lastete, und deshalb suchte es sie möglichst in Vergessenheit zu bringen. Der „gelbe Fleck" machte den Juden zum unvergleichlichen Lebenskrieger, aber wurde für ihn zugleich ein Anblick voll Scheu und Entsetzen. Und das gilt noch heute, wenigstens soweit die ältere Generation in Rede kommt — mit rühmlichen Ausnahmen, versteht sich. Im ganzen und grossen ist es doch so: wir möchten alles vermeiden, was uns der Welt als Juden hinstellt, wir möchten nur ja nicht auffallen, nur ja nicht an unser Sonderdasein erinnern. So dachte man in Wien, in Oesterreich überhaupt, so in Paris. Was aber war die Folge? Ein jeder weiss es. Gegen die Feigen, gegen die, die ihr Haupt in den Busch steckten, schüttete der brutalste Antisemitismus die volle Schale des Hasses, der Verachtung, der Roheit aus. In vielen Städten des „grossmütigen" Frankreich wagte der Jude sich nicht mehr auf der Strasse zu zeigen. Das ist einmal der Lauf der Welt. Wer seine Wange zum Schlage hinreicht, der erhält den Schlag ganz sicher. Denn von Sentimentalität will die Realistik unserer Tage nichts wissen. Nur wer sich wehrt, der besteht; wer weicht, wird zu Boden getreten, erbarmungslos. In Wien und Paris waren ja auch die klugen Herren unter den Juden zu den Ministern und den Politikern gelaufen und hatten um Schutz gefleht, und man hatte ihnen viele schöne Worte gegeben. Aber schliesslich sagten sich die Minister und Politiker: die Juden sind schwach an Zahl und verzagt, ihre Gegner sind zahlreich und kühn, also schliessen wir unseren Pakt mit den Antisemiten; sie können uns nutzen oder schaden, die Juden dagegen sind eine Quantite negligeable. Ja, das sind die Juden, sie kommen für den Politiker gar nicht in Betracht, wenn sie fein still sitzen und sich unter den Misshandlungen ducken. Eine noch schlimmere Folge dessen ist aber, dass auch die öffentliche Meinung, die zu unserer Zeit selbst in halb oder ganz absolut regierten Staaten den Ausschlag giebt, sich mehr und mehr auf Seite der Verfolger stellt. Sie vernimmt nur die lauten Anklagen, die schwachen und kläglich geäusserten Proteste und Widerlegungen