Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1901)
- Article
- Beethoven's erste Liebe
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 69 - 70 (sequence 1)
- Language
- German
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69 70 MISCELLEN. Beethoven*s erste Liebe. Am 17. Dezember 1900 sind 130 Jahre verflossen, seitdem Beethoven in Bonn das Licht der Welt erblickte. Eine lange Zeit schwebte der Streit, wer die Erkorene des gewaltigen Tonmeisters gewesen sei. Es wurde erzählt, dass man zuerst die schöne Gräfin Giülietta Guicciardi für diejenige gehalten habe, an welche die auf der Königlichen Bibliothek zu Berlin im Autograph vorhandenen Liebesbriefe gerichtet sein mögen. Neuerdings wird behauptet, es könne nur die Gräfin Therese von Brunswick aus Ungarn gewesen sein. Nur wenigen dürfte aber bekannt sein, dass Beethoven im Jahre 1792, als er periodisch in Wien lebte, ein inniges Verhältnis mit einer Jüdin, Namens Rahel Löwenstein, angeknüpft hatte. Das Mädchen war damals 17 Jahre alt, von wunderbarer Schönheit und Geistesbildung, so dass der junge Meister entschlossen war, sie zu ehelichen, wenn sie zum Christentum überträte. Doch die Jüdin lehnte diese glänzende Zukunft ab und blieb ihrem väterlichen Glauben treu. Zwischen beiden hatte ein Briefwechsel stattgefunden. Die Originale befinden sieh in dem Codex No. 7989 der seiner Zeit königlichen Bibliothek zu Paris und sind von Alfred Prins in dessen Werk mitgeteilt. Die Liebenden haben teils in Prosa, teils in Versen ge? schrieben. Beethoven schrieb am 8. Mai 1792 an Rahel Löwenstein: „Wie lange sucht vergebens Dich doch mein dttst'rer Blick? Die Sonne meines Lebens Kehrt erst mit Dir zurück. Auf allen meinen Pfaden Erlischt des Tages Schein. Ich bin mit Schmerz beladen, Verlassen und allein." Rahel Löwenstein am IL Mai 1792 an Beethoven: „O eitler Wahn! schon schwindet Das holde Traumgesicht; Mein Auge sucht und findet, Mein Arm erreicht Dich nicht. Uns trennen hohe Hügel, Ewig fern bleibt uns Glück. Gieb Deiner Liebe Zügel Und trage Dein Geschick." Am 19. Mai 1792 trafen sich Beethoven und Rahel Löwenstein heimlich in der Umgebung Wiens. Beethoven wollte das Mädchen entführen und schwur ihm mit aller Glut des liebenden Jünglings ewige Treue und Liebe. Bei der Zusammenkunft gab sich Rahel als Jüdin zu erkennen. 26. Mai 1792 schreibt Beethoven an Rahel Löwenstein: „Ich nenne Dich Du! Du verzeihst mir es gewiss! Ich kann Dich nicht lassen, wenngleich Du eine Jüdin bistl Die heilige Schrift kennt die Namen der Männer Deines Volkes, sie erzählt, was sie einst für glänzende Thaten gethan. Aber ich wandte den Blick und sah in der Tiefe meines Herzens meines Tempels Heiligtum: Den Heiland! O, warum siehen nicht alle Menschen einig um das Feld de$ Erlösers? Welche Verwüstung ist hier auf Erden — und welch' ein neidisches Schicksal hat in Trümmer und Nacht uns Menschen alle gestürzt. Rahel, geliebtes Wesen, um meiner zärtlichen Sorge willen, erkenne des Erlösers Herrlichkeit an, denn von Geschlecht zu Geschlecht wird glänzender sein Name auf Erden! Für Dein Volk hat man keine Gnade; des Pfaffen Wort ruft das Vergang'ne stets zurück. Bekehre Dein Herz zum Heiland und mehre in Stille den Schatz der Erfahrungen. Deines Volkes Glück ist Leiden! Werde mein, lerne kennen Freuden! christliche Freuden!" Am 28. Mai 1792 schreibt Rahel Löwenstein an Beethoven: „Heute, und nie mehr, schreibe ich. Ihr tadelt mein Volk, Ihr lobt wen? — — Segen und reichen Gewinn haben die Leiden -unserer Väter kommenden Enkeln gebracht. Kein Volk steht so fest wie Israel. Was nachdenkend Israels Geist im Laufe der Zeit hat ersonnen, nützt Ihr, die Späteren, ohne Verehrung und Dank! Wir haben auf zerbrechlichem Holz tobenden Stürmen getrotzt, und mit heiliger Ehrfurcht betrachten wir der Vergangenheit Nacht. Seh' ich ins Antlitz meines Vaters, so sehe ich die ganzen hohen Gestalten Israels. Eures Volkes Herz, voll arger Entwürfe, hat die Besten meines Volkes dem Verderben geweiht. Ihr habt mit heiligem Munde Sprüche gelehrt. Kläglich sind sie gefallen, verfolgt von Quälern und Mördern. Einst, nach lang entschwundener Zeit, werden Eure Enkel das Unrecht erkennen und Israels verstümmeltes Leben frei lassen! Eure Priester sogar, die Geweihten des Herrn, haben ihr Saitenspiel durch Lügen entehrt. Nicht der Würdigen in Israel achteten sie, nicht die Besseren vermochten sie zu ehren. Geifernd erhoben sie im Namen des Himmels ein Gezeter — und wollten unser Volk belehren und bekehren! Wohl buhlten viele vom Hause Israels um der Gewaltigen Gunst. Daher sind sie für Israel verloren und von Israel verachtet! Verlasst mich, lieber Fremdling, verlasst mich! Darum bitte ich Euch! Verfolgt mich mit Eurer Liebe nicht mehr! Ist's Vorgefühl von Schwachheit und Angst, was mich so verwandelt, Euch zu bitten, fern zu bleiben? Mächte des Himmels! Mein Vater sollte wissen, was ich gethan! Erbarmt Euch mein — und macht nicht sorgenvoller mein banges Leben." Am 3. Juni 1792 schreibt Beethoven an Rahel Löwenstein: „Rahel, Du Holde! Ich und Du — wir Kinder! O, lebe wohl, lebe wohl! Wir können uns nicht besitzen! Nimm Dir mein letztes Verschen zu Herzen: Geh' mit Deinem kranken Herzen Mutig aus Dir selbst heraus. Komm, und blute Deine Schmerzen Am Altar des Herren aus."