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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 65 - 66

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Juda
Date
1901-01-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 2)
Language
German
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65 Dr. Theodor Zlocisti: ,.Juda" 66 linigem Wollen und Empfinden, die zwar nicht tausendfältig differenziert, aber von majestätischer Grösse sind. Er ist kein mürrischer Grübler und Bohrer mit faltiger Stirn und verkniffenen Augen. Er sieht in das Leben und in die Menschen mit der schwellenden Gesundheit und Geradheit eines in eigner Scholle wachsenden Germanen. Ich denke nur an die vollsaftige, derb-gesunde Sinnlichkeit, welche durch den Gedichtcyklus „Simson" in „Rahab, die Jerichonitin", vor allem aber in den Gesängen des „Jehuda" lodert, die übrigens die köstliche Schönheit im Rhythmus unserer hebräischen Dichtkunst, im parallelismus membrorum, die Farbenpracht des Hohen Liedes sich zu eigen macht! „Mein Tag ist ein Lobgesang auf Dich, die Stunden knüpfe ich aneinander, wie Perlenketten für Deine Stirn. Du wandelst mit starken Schenkeln durch meine Träume des Nachts, durch meine träumenden Gedanken gehst Du mit leichten Sohlen am Tage." Münchhausen^ — des aristokratischen Dichters — •Entwickelungsgang in seiner Stellung zum Judentum wird etwas Vorbildliches haben. Es ist die innere Ueberwindung des Judenhasses, den alle „Abwehr" nur giftiger machte. Aus dem historischen Interesse für unsere Vergangenheit wird sich ein Verständnis für die seelische Struktur unseres Volkes ergeben, wie sie einst in Lust und Freude sich zeigte, und wie sie sich jetzt nach der tiefen Nacht des Ghetto und der noch tieferen Nacht der Aufklärung, nicht verbogen und nicht verrenkt, wieder offenbaren soll. Münchhausen^ Buch wird uns neuen Juden Freunde werben. Man wird an ihm nicht vorübergehen wie an irgend einem Gedichtband. Ephraim Mose ben Jaacob hakohen Lilien, einer von den getreuen Söhnen Zions, — wie er sich in einem schlichten, seine dekorative Eigenart am deutlichsten zeigenden Widmungsblatte nennt — hat das Werk geschmückt, nicht illustriert. Er will nicht den Sinn der einzelnen Gedichte beleuchten, er will nicht des Dichters Bilder, die mit Worten gezeichnet sind, nun nochmals wiedergeben. Jedes seiner Bilder ist ein Gedicht für sich, das seinen Wert und seine Verständlichkeit in sich selber trägt. Die Zeichnungen haben mit den Gedichten nur den Titel gemeinsam — das rein Stoffliche! Der Zeichner geht seine eigenen Wege — er trägt seine eigenen Ideen in die Materie hinein, seine eigene Seele, sein eigenes Leid, das Leid und die Sehnsucht seines Volkes . . . Dem Werke ist nachgerühmt worden, dass es einheitlich sei. wie kaum je ein Kunstwerk. Das ist falsch. Es giebt kaum ein Werk, das weniger einheitlich ist. Zwischen den Gedichten Münchhausen^ und dem Schmucke Lilien's gähnt die breite Kluft zweier Individualitäten eigenen Sinnes, eigener Vergangenheit, verschiedener Gegenwart, verschiedenen Stammestumes. Münchhausen hat das Leid nicht gekannt. Er versucht es nachzuleben — Lilien hat es gelebt und lebt es. Um Münchhausen's Jugend breitet sich die Ruhe gehobener, ruhiger sozialer Verhältnisse. — Lilien ist das Kind eines armen Drechslers, in dessen Hause Frau Sorge sich eingenistet hatte. Münchhausen geht als Jüngling auf die Universität, zu lernen und studentisch-flott zu leben. Lilien nennt keine Akademie seine Meisterin. Er muss arbeiten, um nicht zu darben. Münchhausen wurzelt fest in eigener Scholle, die seine Ahnen seit Jahrhunderten bebauten. Lilien wurzelt in keinem Erdreich; jn Drohobycz ist er nur geboren. Ein armseliger Jude, der keine Heimat Aus ..Ju<la". E. M. Lilien. (Verkleinert.) hat, der sich erst eine Heimat bauen muss, eine innere in seinem Volkstum. Münchhausen aber ist Deutscher. Er ist deutscher Erde entsprossen; aus deutscher Erde hat er seine besten Kräfte gesogen. Er ist kraftvoll, gesund, heiter in der Bauanlage. Lilien muss erst tausendjähriges Leid aus seiner Seele ausjäten, um sich durch Verbitterung und Grübelei zur Kraft hindurchzuringen. Man vergleiche nur Münchhausen^ Gedicht „Passah" mit der Zeichnung Lilien's. ..Koste die Kräuter, wie Gott es gebeut, Bald wird er wieder uns lösen! Jeruscholajim, einst wird es erneut, Einst, einst Feiern wir dorten das Passali wie heut!"

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