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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 59 - 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Aus "Juda" [Illustration]
Date
1901-01-01
Page
Seite 59 - 60 (sequence 1)
Language
German
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59 60 EIN JUEDISCHER ROMAN. Von S. Liiblinski. Noch haben wir nicht jenes ersehnte dichterische Kunstwerk, welches für das Seelenleben der deutschen Juden am Ende des neunzehnten Jahrhunderts den vollwertig typischen Ausdruck bietet. Es ist klar, dieses Kunstwerk könnte nur ein Roman, nur ein Zeitroman sein. Denn die Erlebnisse und Leiden der deutschen Juden von heute, so weit sie von typischer Art sind, wurzeln durchaus in der unselig zwiespältigen Stellung zu ihren deutschen Mitbürgern. Um diese Wurzel gründlich blosszulegen, dazu gehört gleich nicht mehr und nicht weniger als eine Vorführung und Ergründung all der sozialen, politischen, philosophischen und wissenschaftlichen Probleme, die das Zeitalter bewegen. Also ein Zeitroman muss essein, und gleich einer im grössten Stil. Dann aber kommt die Kehrseite der Medaille. Der jüdische Schmerz von heute, so sehr er in der Zeit und im öffentlichen Leben wurzelt, blüht doch eigentlich im Verborgenen, ist ein Produkt der seelischen Einsamkeit. Die Wunde wurde in öffentlicher Schlacht geschlagen, und sie schmerzt doch erst auf dem Krankenlager, fern von den Feinden, während kaum die allernächsten Verwandten am Lager stehen. Jeder Jude muss es im eigentlichsten Sinn ganz mit sich allein abmachen, wie er sich über das Schicksal, als Jude und Deutscher zugleich geboren zu sein, in Empörung oder Versöhnung hinwegsetzt. Das sind dann Kämpfe, Leiden und Erlebnisse, die ganz und gar im innersten Grund der wSeele spielen und völlig von individuell psychischer Natur sind. Um hier den Schatz an tiefsten, feinsten und innigsten Gelühlen dichterisch zu heben, muss mit sehr empfindlichen und subtilen Apparaten gearbeitet werden. Die robuste Epikerfaust, die einen Zeitroman hinwettert, genügt da gar nicht, und der sensibelste Impressionist aus der Schule Maeterlink's käme gerade noch auf seine Rechnung. Also Zeitroman und Symbolismus zugleich! — sehr erklärlich, dass wir bisher noch nicht den jüdischen Roman schlechthin haben. Wohl aber ist der „Ahasver"*) von Robert Jaffe das würdigste und bedeutendste Surrogat dafür, das mir bis jetzt vorkam. Jaffe ist analytischer Lyriker. Von jenen durchaus abseitigen und innerlichen Erlebnissen her ist er auf die Judenfrage gekommen. Nicht aber von den Zeitproblemen aus, denen er im Grunde mit fremder und erstaunter Ratlosigkeit gegenübersteht. Die eine Seite des jüdischen Problems beherrscht er also fast vollständig, und die andere fast gar nicht. Es konnte daher nicht das typische und geschlossene Kunstwerk entstehen, musste sogar ein Riss, eine Dissonanz durch die Gesamtdichtung ziehen. Das kann man ruhig feststellen, denn es schadet nichts, man kann dennoch den Roman hoch bewerten. Die andere Seite des jüdischen Leidens, die lyrisch-persönliche, ist dafür mit um so grösserer Kunst und Innigkeit herausgekommen. Emil Zlotnicki heisst der Held, der in Jaffe's Roman als moderner Träger des uralten Ahasvergefühles erscheint. Wirklich, er ist zum Leiden geboren, wie wenige. Er ist sensibel und masslos sensitiv, in einer Weise, die robusteren Naturen manchmal kleinlich und unerträglich vorkommt. Beruhigt Euch, Ihr guten Leute: es ist nicht nur eine Schwäche bei Emil Zlotnicki, sondern auch eine Stärke, ein Vorzug, ein Seelenadel. Er ist eine vornehme, eine scheue und schamhafte Natur, und nicht nur die Brutalität des Lebens ist es, vor der er zusammenzuckt, sondern vor allem der Schmutz und die Gemeinheit, vor denen er Ekel und tiefste Qual empfindet. Daher seine Sensitivität, die letzten *) Ahasver. Roman von Robert Jaffe. Berlin, Verlag von Siegfried Cronbach. 1900.

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