Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1901)
- Article
- Die wirtschaftliche Aufgabe der deutschen Judenheit
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 55 - 56 (sequence 1)
- Language
- German
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55 56 DIE WIRTSCHAFTLICHE AUFGABE DER DEUTSCHEN JUDENHEIT, Von Dr. Ernst Tuch. Es ist eine der auffallendsten Erscheinungen, dass die Judenheit Deutschlands zahlreiche Wege eingeschlagen hat, um ihre sich täglich verschlimmernde Lage zu verbessern, dass sie aber gerade den, der einzig zum Ziel zu führen scheint, bisher so gut wie gar nicht in den Kreis ihrer Betrachtung gezogen hat. Zu Beginn der antisemitischen Bewegung versuchte sie, ihre. Stellung zu wahren durch Hinweise auf die Vorzüglichkeit der jüdischen Religion, es half nichts; sie schloss sich dann zum Teil an die liberalen Parteien, zum Teil an die Sozialdemokratie an, keine Rettung; endlich glaubte sie die richtige Taktik erfasst zu haben, indem sie sich im Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vereinigte zur Abwehr der antisemitischen Angriffe auf Grund des bestehenden Rechts. Doch auch dieser Verein, so wenig seinem Vorgehen grosse Verdienste abzusprechen sind, hat unsere soziale Stellung nicht heben, die durch die antisemitische Boykottierung leidenden unteren jüdischen Kreise nicht kräftigen können. Der Antisemitismus wuchs trotz alledem und alledem, und zwar nicht nur der Zahl seiner Anhänger nach, er wurde auch intensiver und gefährlicher. Dass die Grundlage alles gesellschaftlichen Zusammenlebens die ökonomischen Verhältnisse sind, diesen Satz, der sonst auf allen Gebieten, von allen Parteiungen anerkannt wird, die Juden als Juden haben dies soziale Axiom unbeachtet gelassen, nie aus ihm die notwendigen Konsequenzen für ihr Verhalten gezogen, und diese Unterlassungssünde hat sich nur allzu bitter gerächt. Wir haben in unserem Widerstand gegen den Antisemitismus nur die äussere Erscheinung eines wirtschaftlichen Uebelstandes bekämpft, statt den wirtschaftlichen Uebelstand selbst. Der direkte Kampf gegen den Antisemitismus, sei es durch politische Massnahmen, sei es durch Aufklärung, er wird gewiss manches Gute im Gefolge haben, kann aber nie als Radikalkur betrachtet werden. Fragen wir also: Wo ist der Krankheitsherd in unserem wirtschaftlichen Organismus zu suchen, aus welchem die antisemitische Eiterbeule ihre Säfte zieht? Es ist nicht gar so schwer, ihn zu bestimmen als das Siechtum unseres Mittelstandes. Der städtische Mittelstand der kleineren und mittleren Kaufleute, früher ein Hauptfaktor im wirtschaftlichen Leben als Mittler zwischen den beiden grossen Lagern der Produzenten und der Konsumenten, verliert von Tag zu Tag mehr diese seine Bedeutung. Durch die ausserordentliche Vervollkommnung und Verbilligung der Verkehrsmittel, durch das geradezu märchenhafte Emporspriessen der grossen Warenhäuser, der Riesenbazare, durch die, immer weitere Kreise der Bevölkerung umspannende, Bewegung der Konsumvereine, durchalledieseechtenKinderder modernen ■ Entwicklung wird die vermittelnde Thätigkeit des Kaufmannsstandes zwar nicht überflüssig gemacht, aber doch erheblich eingeschränkt. Es steht ihm bei weitem nicht mehr der Spielraum zu Gebote, wie dies früher, ja noch vor verhältnismässig kurzer Zeit der Fall war. So bedauerlich und tragisch diese Entwickelung auch für diejenigen ist, welche durch, sie aus dem Sattel gehoben werden, so kann sie doch nicht gehemmt werden. Es ist naturgemäss, dass das absterbende Glied sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft gegen den ihm drohenden Untergang wehrt. Eines der Verteidigungsmittel ist der Antisemitismus. „Es giebt zu viel Kaufleute, viel zu viel, der Stand ernährt nicht die ungeheure Menge. Werfen wir die Juden hinaus, entledigen wir uns dieser lästigen Konkurrenz, dann wird es uns besser gehen," Ist dieses Argument vom menschlichen Standpunkt aus so unverständlich? Hier ist der eigentliche Kernpunkt des Antisemitismus zu suchen. Bisher haben wir Juden uns mit Gewalt gegen diese antisemitischen Folgerungen gesträubt, und sicher mit voller Berechtigung vom Standpunkte des Staatsbürgers aus, der sich keinerlei Beschränkung auferlegen lassen darf. Aber ist dieses Festhalten am ererbten Stand auch ebenso berechtigt vom ökonomischen Gesichtspunkte aus? Keineswegs! Bei ruhiger Ueberlegung müssen wir einsehen, dass das, womit die Antisemiten unsern wirtschaftlichen Ruin horbeiführen wollen, in Wirklichkeit unser Glück, unser Fortschritt wäre. Ja, die Antisemiten haben recht: wir müssen hinaus aus dem Kaufmannsstande, dem weitaus unsere Majorität angehört, aber nicht etwa, weil es den Antisemiten so passt, etwa um ihnen nachzugeben, sondern weil