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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 7 - 8

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Jüdische Renaissance
Date
1901-01-01
Page
Seite 7 - 8 (sequence 1)
Language
German
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7 8 JUEDISCHE RENAISSANCE Von Martin Bub er. ' Wir leben in einer Epoche der Kulturkeime. Auf der einen Seite kündigt sich eine grosse allgemeine Schönheitskultur an. Das allerorten erwachende Kunstgefühl, die Entwickelung des modernen Kunstgewerbes, das Hineintragen der Schönheitslinie in das Thun und Erleben des Alltags, die mannigfachen Versuche einer ästhetischen Jugenderziehung, das Streben nach Sozialisierung der Kunst, und so viele andere Zeichen, die uns die Stunde zuträgt, deuten dahin.. Auf der anderen Seite sehen wir die nationalen Gruppen sich um neue Fahnen scharen. Es ist nicht mehr der elementare Selbsterhaltungstrieb, der sie bewegt; nicht die äussere Abwehr feindlichen Völkeransturms ist der Grundzug dieser Erscheinung. Nicht der Besitzdrang und die territoriale Expansionskraft der Nationen will sich nun ausleben, sondern ihre individuelle Nuance. Es ist eine Selbstbesinnung der Völkerseelen. Man will die unbewusste Entwickelung der nationalen Psyche bewusst machen; man will die spezifischen Eigenschaften eines Blutstammes gleichsam verdichten und schöpferisch verwerten; man will die Volksinstinkte dadurch produktiver machen, dass man ihre Art verkündet. Hier werden nationale Kulturen angestrebt. Goethe's Traum einer Weltliteratur nimmt neue Formen an: nur wenn jedes Volk aus seinem Wesen herausspricht, mehrt es den gemeinsamen Schatz. So sehen wir in der tiefen Einheit der Evolution allgemeine und nationale Kultur verschmelzen. Was den besten Geistern unserer Zeit vorleuchtet, ist ein von Schönheit und gütiger Kraft durchtränktes Menschheitsleben, in dem jeder Einzelne und jedes Volk mitschafft und mitgeniesst, ein Jedes in seiner Art und nach seinem Werte. Jener Teil des jüdischen Stammes, der sich als jüdisches Volk fühlt, ist in diese neue Entwickelung hineingestellt und wird von ihr durchglüht wie die anderen Gruppen. Aber seine nationale Teilnahme an ihr hat einen ganz eigenen Charakter: den der Muskelanspannung, des Aufschauens, der Erhebung. Das Wort „Auferstehung" drängt sich auf die Lipjien: ein Erwachen, das ein Wunder ist. Freilich, die Geschichte kennt keine Wunder. Aber sie kennt Ströme des Volkslebens, die zu. versiegen scheinen, aber unter der Erde weiterfliessen, um nach Jahrtausenden hervorzubrechen; und sie kennt Samenkörner des Volkstums, die sich Jahrtausende lang in dumpfen Königsgräbern ihre Keimkraft bewahren. Dem jüdischen Volke steht, eine Auferstehung von halbem Leben zu ganzem bevor. Darum hat man seine Teilnahme an der modernen national - internationalen Kulturbewegimg eine Renaissance genannt. Es scheint zum Wesen der Schlagworte zu gehören, dass sie missverstanden werden. Das kommt wohl daher,' dass sie immer nur einer vSeite des Geschehens abgelauscht werden, was gleichsam die Rache der anderen Seiten herausfordert. So ging es auch der „jüdischen Renaissance". Wenn man von Renaissance spricht, denkt man zunächst an die grosse Zeit des Quattrocento. Auch diese hat man eine Zeit lang missverstanden: man hat sie als Rückkehr zu den Denk- und Sprachformen des Altertums, als Erneuerung des klassischen Lebensstils aufgefasst. Aber als man tiefer in ihre Geschichte eindrang, erkannte man, dass Renaissance nicht Rückkehr, sondern Wiedergeburt bedeutet: eine Wiedergeburt des ganzen Menschen. Aus der dialektischen Enge der Scholastik zu einer weiten seelenvollen Naturanschauung, aus mittelalterlicher Askese zu warmem flutendem Lebensgefühl, aus dem Zwange der Sekten und Innungen zur Freiheit der Persönlichkeit. Das Geheimnis des Neuen, der reiche Sinn des Entdeckers, das freie Leben der Wagnisse und der überströmenden Schaffenslust beherrschen diese Zeit, und die Zeitpsyche ist es, die aus Marlowe's Helden, Mortimer, spricht, wenn er im Augenblicke vor seiner Hinrichtung sagt: „Beweint mich nicht, Der, diese AVeit v erachtend, wieeinWand'rer Nun neue Länder zu entdecken geht." Jene Zeit steht im Zeichen der „neuen Länder." Nein, keine Rückkehr — aber auch kein „Fortschritt" in dem sehr langweiligen Gebrauchssinne dieses Wortes. In der Seele des einzelnen Menschen, in der Struktur der gesellschaftlichen Wechselbeziehungen, in der künstlerischen Geburt von Werken und Werten, in den ewigen Kreisen cles Kosmos, in den letzten Rätseln alles Seins — überall werden neue Länder entdeckt, überall tauchen schlummernde Welten wie grüne Inseln aus Meerestiefen auf, alle Dinge sind erneut, in jungem Lichte gebadet, aus frischen Augen blickt die alte Erde, — und die Wiedergeburt feiert ihre stillen Sonnenfeste. „Jüdische Renaissance"..... Man hat darunter eine Rückkehr zu den alten, im Volkstum wurzelnden Gefühls-Traditionen und zu deren sprachlichem, sittlichem, gedanklichem Ausdruck verstanden. Man braucht diese Vorstellung nur an der Quattrocento-Renaissance zu messen, um ihre Kleinheit und Unzulänglichkeit einzusehen. Eine solche Rückkehr würde den edlen Namen „Renaissance", diese Krone der Geschichtszeiten, in keiner Weise verdienen. Wir müssen schon tiefer graben, wenn wir die Zukunft unseres Volkes verstehen wollen. Zahlreicher als in irgend einer anderen Zeit sind in der unseren jene Menschen, die den Sinn für das Kommende besitzen, jene Johannes-Naturen, die an den eignen Schmerzen die werdende Gestaltung einesneuenMenschheitslebens erkennen.

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