Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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OSEwesT ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/^ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 11/12 November — Dezember 1919 XIX. Jahrg. DAS MESSIANISCHE REICH DER ZUKUNFT. Von Simon Bernfeld. In einer seiner geistvollen Vorlesungen über das Judentum und seine Geschichte hat Abraham Geiger.den fundamentalen Gegensatz zwischen der jüdischen und der griechischen Weltanschauung hervorgehoben. Während die Griechen dfos goldene Zeitalter, das der Heroen, in die Vergangenheit verlegen, so'daß sich die Menschheit von ihm immer mehr entfernt, erblicken es die Juden ,in der Zukunft und bestreben sich, es durch die geistige und sittliche Vervollkommnung herbeizuführen. Hermann Cohen hat diesen Gedanken aufgenommen und ethisch-philosophisch vertieft. Der jüdische Prophetismus 'hat die messianische Vorstellung geschaffen; er eröffnet einen Ausblick in eine glückliche Zukunft, der die Mensch-' heil entgegengeht Ursprünglich war der jüdische Messianismus von jüdisch-nationalem Inhalt Das jüdische Volk, von mächtigen Feinden unterdrückt und beherrscht, unter dem schweren Joch seiner Peiniger seufzend, wendet den Blick von der traurigen Gegenwart ab und sieht in der 'Zukunft neues Glück erstehen: Erlösung und Befreiung von der Fremdherrschaft und von allen mit dieser verknüpften Leiden. Aber im Laufe der' Jahrhunderte wurde dijese jüdisch-nationale Hoffnungzu einem Menschheitsideal, zu einem Sehnen nach einer glücklichen Zukunft, die der ganzen Menschheit zuteil werden sollte. Dem jüdischen Bewußtsein wurde es immer klarer, daß kein Volk auf Erdven glücklich sein kann, wenn es nicht alle Völker sind, daß es "keine wahre Freiheit gibt, solange nicht alle frei sind, daß herrschende Völker an der Knechtschaft, die sie anderen Völkern auferlegen, selbst zugrunde gehen müssen. Nicht die Bedrücker müssen aufhören, sondern die Bedrückung, nicht die Bösen, sondern das Böse. Und so entwickelte sich der messianische Gedanke zu der Vorstellung von der absoluten Herrschaft des Rechts und der Gerechtigkeit, eine Herrschaft, die sich nicht auf Macht Und Gewalt stützt, sondern auf Gott e s e r k e n n t n i s. 10 er Begriff der Gotteserkenntnis ist im prophetischen Judentum kein spekulativer, keine philosophische Definition von der Natur Gottes, sondern die Betätigung des Rechts und der Menschenliebe. Von der messianischen Zukunft erwartete das jüdische Volk die Versöhnung der Menschen und der Völker, den ewigen Frieden zwischen Volk und Volk und zwischen Mensch und Mensch. Das Bild dieses ungestörten Friedens wird im prophetischen Schrifttum.oft durch den Frieden in der Naturwelt ergänzt. Nirgends soll mehr Böses verübt und Schaden angerichtet werden. Nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere sollen fortan in tiefem Frieden leben; auch sie werden die angeborenen Triebe zur Gewalt unterdrücken und überwinden. Das Menschheitsideal, das sich auf dem Messianismus aufbaut, wurde im jüdischen Schrifttum mit großer Liebe gepflegt. Je trauriger die Gegenwart war, in desto glänzendere Farben kleidete sich das Bild der messianischen Zukunft. Aber eigentümlich ist es, wie man