Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
- Article
- Aufgaben der jüdischen Ethik
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 249 - 250 (sequence 2)
- Language
- German
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'249 Aufgaben der jüdischen Ethik. 250 einer Gruppe gegenüber verlangt. In einer Zeit zumal, in der Staat, Wirtschaft und Recht in einer tiefgreifenden Umwandlung begriffen sind, hat die Religion besonders die Pflicht, der suchenden Seele den Weg zu zeigen. Darum brauchen wir dringend Untersuchungen, die uns Aufschluß geben, wie sich unser Glaube diesen fundamentalen Lebensproblemen der Gegenwart gegenüber verhält. Es handelt sich darum, die grundsätzliche Auffassung der Bibel zu ermitteln, und das gefundene Prinzip auf die Gegenwart und ihre besonderen Verhältnisse anzuwenden. Unterbleibt diese wissenschaftliche .Arbeit, dann entsteht eine doppelte Gefahr. Erfolgt die Lösung der brennenden Tagesfragen ohne Rücksicht auf die Anschauung der jüdischen Religion, entscheidet sich der einzelne von seinem wirtschaftlichen'oder politischen Interesse aus, dann bedeutet das eine Schwächung der religiösen Kraft des Judentums. Die Religion bleibt dann innerhalb ihres engbegrenzten Geltungsbereichs, und das Leben mit seinen Kämpfen*und Aufgaben flutet außerhalb dieses stillen und geweihten Kreises. Die Entfremdung zwischen dem Judentum und der Wirkliafekeit wird größer. Sucht aber der Jude unserer Zeit, ohne die Form wissenschaftlicher Erkenntnis zu wahren, seine wirtschaftliche und politische Ueberzeugung mit der biblischen Lehre in Einklang zu bringen, dann ist das Resultat zumeist eine willkürliche, parteipolitische Deutung der heiligen1;-Schrift Ist doch vor kurzem beim- # J?en' ^as biblische Gebot d<?r Nächstenliebe ebenso, wie das Sabbathgesetz in sozialistischem, oder kommunistischem Sinne zu deuten. Beide Gefahren lassen sich nur durch eine streng wissenschaftliche jüdische Ethik beseitigen, die auch die praktischen Probleme des gegenwärtigen Lebens behandelt. Durch eine solche Erweiterung des Gesichtskreises gewinnt die jüdische Etliik nicht nur eine notwendige und wertvolle Ergänzung, sondern auch die Eigenart der jüdisch-sittlichen Denkweise tritt noch deutlicher, als bisher hervor. Jüdische und christliche Ethik unterscheiden sich nicht nur dadurch, daß die eine auf die Wirklichkeit un'd ihre Gesetze Rücksicht nimmt, und die andere sie ignoriert. Das trifft so lange zu, als man die jüdischen Moralgebote mit den entsprechenden Lehren des Evangeliums vergleicht. Gerade infolge seiner wirklichkeitsfremden, romantischen Ethik aber war das Christentum zu einer Weiterbildung seiner sittlichen Lehre gezwungen. Für die Dauer ließ sich das Leben mit seinen Ansprüchen und Bedürfnissen nicht übersehen, zwischen der weltüberlegenen sittlichen Lehre und den Forderungen der Wirklichkeit mußte ein Ausgleich geschaffen werden. Deshalb hat die katholische Kirche zur Ethik der 'Bergpredigt eine Laienmoral hinzugefügt, die für den Durchschnitt der Menschen gelten sollte. Die heroischen sittlichen Aufgaben, die das Evangelium stellt, brauchten hingegen nur von den Geistlichen., und Ordensbrüdern gelöst zu werden. 1^1 die Stelle dieses ethischen Stufenbaus, einer höheren und niederen Sittlichkeit tritt im lutherischen Christentum die Unterscheidung der Berufs- und Personenethilc. Das weltliche Berufsleben hat seine eigenen Gesetze, die sich mit den sittlichen Lehren des Evangeliums durchaus nicht decken, sondern ihren Ursprung in der erbsündigen Natur des Menschen haben. Darum darf ein Soldat, ein Staatsbeamter, in der Ausübung seines Amtes Gewalt anwenden. "Die sittlichen Forderungen des Evangeliums, die spezifisch christlichen Gebote gelten in der Sphäre des außerberuflichen, persönlichen Lebens, nur wird dieser Gegensatz durch die Forderung gemildert, daß auch die Welt des Berufslebens mit dem Geist christlich-religiöser Liebesgesinnung erfüllt werden soll. Gleichviel nun, ob man das Judentum mit der katholischen, oder protestantischen Ethik: vergleicht, in jedem Falle tritt ein fundamentaler Unterschied zwischen ihnen hervor. Die beiden Formen^der christlichen Ethik sind dualistisch. Das-"Cliristentum kennt eine doppelte Sittlichkeit. Die^Laienethik des Katholizismus steht ebenso im Gegensatz zur höheren Sittlichkeit der Theologen, wie die protestantische Berufsethik gerade das fordert, was die Personenethik verbietet. Dieser innere Widerspruch, der ethische Dualismus ist die Folge der romantischen Tendenz des Evangeliums, das die Wirklichkeit zu überfliegen sucht. Die weitere Entwicklung der christlichen Ethik bedeutet demnach nicht eine Ergänzung, sondern eine Korrektur des Evangeliums. Die jüdische Ethik aber hat niemals den Fehler begangen, das Leben und seine Gesetze zu ignorieren. Darum stehen auch die biblischen Lehren, die siel] auf das wirtschaftliche und politische Leben beziehen, nicht im Gegensatz zu ihren sonstigen sittlichen Grundsätzen. Die jüdische Ethik ist nicht dualistisch, sondern monistisch, einheitlich und konsequent. Der Beweis für diese Behauptung soll in späteren Untersuchungen erbracht werden. Soviel aber dürfte jetzt bereits klar sein, daß eine wissenschaftliche Darstellung des Verhältnisses unserer Religion zu 'Staat, Wirtschaft und Recht eine wichtige Aufgabe der jüdischen Ethik ist.