Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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qsriwCesr ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 9/10 September—Oktober 1919 XIX. Jahrg. DIE JUEDISCHE GESCHICHTE IM LICHTE DER MATERIALISTISCHEN GESCHICHTSAUFFASSUNG. ■Von Simon Bernfeld. In jüngster Zeit ist vielfach eingehend die materialistische Geschichtsauffassung erörtert worden, die von Karl " Marx vor Jahrzehnten begründet und bislang nur bei den Anhängern seiner Theorien' zum Ausgangspunkt der Geschichtsforschung gemacht wurde. Die große politische und wirtschaftliche Umwälzung, die durch den Weltkrieg hervorgerufen wurde, . hat überhaupt den Marxismus in den Vordergrund der Diskussion gestellt und so auch der materialistischen Geschichtsauffassung neue Anhänger gewonnen. Es will jetzt scheinen, daß sie in ider nächsten Zukunft die Grundlage der geschichtlichen Darstellung werden wird, und es dürfte nicht unangebracht sein, im Lichte dieser Weltanschauung auch die jüdische Geschichte zu betrachten. Das möge in den folgenden Ausführungen versucht werden. Es kann wohl vorausgesetzt werden, daß die von Karl Marx begründete materialistische Geschichtsauffassung auch in weiteren Kreisen bekannt ist. Doch sollen hier jene Sätze noch einmal angeführt werden, in denen Marx seine Theorie formuliert hat: ,,Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Ueberbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens "bedingt den sozialen, politischen und geistigen -Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen, oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklung^ - formen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung; der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Ueberbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung In den ökonomischen Prodüktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten." (Marx, Zur Kritik der politischen Oekonomie, ed. Kautsky, 1909, S. LV, LVI.) Diese oft zitierten Sätze stellen in klarem Widerspruch zur Hcgelschen GeschichtsphiLosophie, yon der sich Karl Marx hier abwendet. Während Hegel in den geistigem und sittlichen Kräften der Menschheit die Triebfeder der kulturellen Entwicklung sieht, die wir als Geschichte bezeichnen, führt Marx: diese Entwicklung hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Kämpfe der verschiedenen Gesellschaftsklassen zurück. Karl Marx hat später gesagt, daß er eigentlich erst die Hegelsche Geschichtsphilosophie richtig angewandt habe, indem er sie, die bisher auf dem Kopf gestanden, wieder auf die Füße stellte. Es muß jedoch gleich