Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Mein erster Fasttag
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 203 - 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584087-2584091-2607841--17571-2607887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
203 Mein erster Fasttag. 204 „Darüber habe ich natürlich kein Urteil, aber was die Schwäche der Gesundheit anbetrifft, so seht ihr so blaß aus, daß es ein Erbarmen ist. Das Herz tut mir weh, daß ihr euch so peinigen müßt. Wäre ich ein Rabbiner, so würde ich euch nicht nur erlauben. Kaffee zu trinken, sondern es euch direkt befehlen." * „Weißt du was," riet Großmutter dazwischen, „fragen wir Rabbi Akiba." Unser Lehrer versah nämlich im Notfalle die Funktionen eines Rabbiners in der ganzen Umgegend, entschied rituelle Fragen, wirkte sogar aU rnbbinischcr Schiedsrichter bei Prozessen. Rabbi Akiba kam herein, der Anblick des zusammengeknickten blassen Reb Chajkel jammerte ihn. und da er in allen rituellen Fragen, soweit sie nicht seine eigene Person betrafen, zur größten Milde neigte, sagte er: „Ihr dürft getrost Kaffee trinken, Reb Chajkel, sogar drei Tassen. Es wird kein Loch im Himmel werden, und wenn eines wird, verstopft ihr es mit einigen Portionen vom heiligen So bar. Trinkt Kaffee, soviel man euch gibt, unsereiner darf sich das nicht erlauben, aber ein Chassid, wie ihr, der unter dem Schutz so vieler Zaddikim steht, dem wird man im Himmel solche kleine Sünden schon nachsehen. Indessen geht in ein anderes Zimmer, wenn ihr-Kaffee trinken wollt; es braucht nicht alle Welt euch dabei zu sehen, die Leute könnten sich ein böses Beispiel daran nehmen. Nicht jeder kann wissen, was einen so frommen Mann zwingt, das Fasten zu brechen."" „Na, Rabbi Akiba, schwer genug fällt es mir, aber wenn ihr mich dazu beredet, ein so großer Gelehrter .. . aber, wißt, ich tu's nur, weil ihr mich drängt: es geht auf eure Verantwortung .. .'* ,,Schon gut, schon gut, ich nchnTs auf meine Schultern. Guten Appetit!" Mutter führte Reb Chajkel in die Speisekammer neben der Küche, dann brachte sie eine riesige Kanne frischgekochten Kaffees nebst einem Topf Sahne und einer Tasse hinein und stellte das Ganze auf den weißgehobelten Tisch vor Reh Chajkel hin, der sich auf einen Stuhl niederließ und eine Miene machte, als sollte er aufs Schaf >tl geschleppt werden. Ich sah durch das Guckfensterrhen zu, wie Reb Chajkel schlürfend und schnaubend dem kräftigen Trunk alle .Ehre antat, und mir lief das Wasser im Munde zusammen .. . Jetzt nahm Mutter vom kochenden Herd einen großen Topf voll Kiisckräpfchcn, die soeben gar geworden, schüttete das siedende Wasser fort, fit die Kräpfchen in eine heiße Schüssel, bedeckte sie mit einem Teller, brachte sie in die Speisekammer, stellte sie am anderen Ende des Tisches hin, an dem Reb Chajkel saß, und entfernte sich. ,,Was guckst du da hinein, Schelm?" sagte sie leise zu mir, als sie wieder in die Küche kam. „Hast du noch niclit gesehen, wie einer Kaffee trinkt?" Aber sie lächelte dabei schalkhaft und schien gar nicht böse zu sein. Ich rührte mich niclit von der Stelle. Reb Chajkel hatte unterdesssen die ganze Kaffeekanne schmatzend bis zur Neige geleert, dann leckte er sich die Lippen und trocknete sie mit dem Handrücken. Jetzt fing er am, nach dem anderen Tischende hinüberzuschnuppern, wo der appetitliche Duft der heißen Käsekrüpfchen aus dem Spalt unter dem Teller aus der Schüssel hervordrang. Reb Chajkel, spähte mit ängstlichen Augen um sich. Dann erhob er sich langsam und schlich sich an die Schüssel heran. Ich sah, wie er am ganzen Leibe zitterte, er kämpfte offenbar einen schweren Kampf mit seinem Gewissen. Endlich zog er das riesige mit Schnupftabak bekleckste Taschentuch heraus, hob den glühenden Teller ab und griff beherzt in die Schüssel. ,,Mutter, Mutter, komm' nur schnell," hauchte "ich mit erstickter Stimme. Wir schauten zusammen durch das Guckfensterchen und mußten fest zusammenhalten, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Reb Chajkel stopfte sich eilig die heißen Kräpfchen in den Mund, verbrannte sich dabei Finger und Lippen, der weißliche Saft rann über seinen Bart. Als er gesättigt war, deckte er vorsichtig die Schüssel wieder zu, tilgte die Spuren seines Tuns und schlich sich leise aus der Kammer. * Vater kam aus der Mühle, die seit einigen Stunden wieder im Gange war. „Na, wie bekommt dir das Fasten, mein Sohn?" sagte er, indem er mir liebevoll die Wangen strich. „Hältst tapfer aus, das freut mich. Mußt frühzeitig erfahren, wie das schmeckt. So mancher arme Knabe in der Stadt muß sehr oft den ganzen Tag ohne Essen verbringen, und hat nicht einmal die Aussicht, am Abend etwas zu sich zu nehmen." Vaters Stimme war sehr weich; ich schlang meine Arme um seinen Nacken und er küßte mich auf den Mund. „Geh' ins Chedcr, nimm den Midrasch Echah1) zur Hand, da wird dir das bißchen Hunger schon vergehen." Er klopfte mir auf die Schultern und ging in sein Arbeitszimmer. Ich schlug den Midrasch Echah auf, und mir verging in der Tat alsbald der nagende Hunger. Mich umfing die Atmosphäre des großen Schmerzes und der tiefen Zerknirschung, die noch Jahrhunderte nach der -Zerstörung des Tempels auf Morijah die Seele des jüdischen Volkes, die nimmer vergessen kann, erschütterten, und durch die Ferne der Zeiten widerhallten. Die ergreifenden Bilder des Leidens stiegen vor meinem inneren Auge auf; die sinnreichen Sprüche und der immer wiederkehrende trostvollc und felsenfeste Glaube an eine erlösende Zukunft erfüllten mich mit einer wehmütig gehobenen Stimmung, versetzten mich in eine andere Welt, weit von allen gemeinen Forderungen des Leibes. Ich hätte mich geschämt, jetzt an solch niedrige Dinge zu denken, wie Butterbrod und Erdbeeren mit Rahm, während da vor meinen Augen solche Tragödien sich abspielten, die Propheten Israels sich aus. ihren Gräbern erhoben und ihrem 'Volke von neuem die ewigen Verheißungen Gottes verkündeten ... „Der Doktor kommt, der Doktor kommt!" tönte plötzlich an meine Ohren das fröhliche Schreien der Kinder im Garten. Alle eilten dem Doktor entgegen, der jetzt in seinem leichten Einspänner die Anhöhe zu unserem Hause hinauftrabte. Neben ihm saß seine Frau, die ihn auf allen seinen Fahrten übers Land begleitete. Es war immer eine Freude für uns alle, so oft Doktor Marski, der Bezirksarzt des nahen Städtchens, bei uns einkehrte. Er war von unerschöpflicher Fröhlichkeit, die oft in Derb- *) Miel rasch zu den Klageliedern Jeremiae.