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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Date
1919-07-01
Page
None (sequence 5)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 7/8 Juli-August 1919 XIX. Jahrg. DIE JUDENFRAGE IM KUENFTIOEN EUROPA. ANSCHWELLEN DER JUDENFEINDLICHEN STROEMUNGEN. Es hat frohrnütige Optimisten gegeben, die seit Ausbruch' des Weltkrieges unentwegt eine endgültige Lösung der Judenfrage und eine vollständige Beseitigung des Judenhasses in allen seinen Formen erwarteten. Indessen ist es anders gekommen. Seit dem Waffenstillstand bis zum heutigen Tag fegt über ganz Osteuropa ein nie dagewesener Pogromsturm, der unzählige Opfer an Blut und Gut fordert, wird der Judenboj'kott systematisch unter Beobachtung aller gesetzlichen Formen organisiert; in Mitteleuropa besonders in Deutschland, hat die antisemitische Hetze geradezu bedrohliche ' Formen angenommen. Eins steht also fest: die Judenfrage im künftigen Europa hört nicht auf, unsere Beachtung herauszufordern. Noch weiter, die Judenfrage dürfte im künftigen Europa sich aller Wahrscheinlichkeit nach erheblich verschärfen, da eine Anzahl neuer Staaten gebildet wurde, sogar eine Anzahl neuer Nationen entstanden sind, die zu dieser Frage erst Stellung nehmen, sich gleichsam in sie hineinleben müssen, um sich mit ihr abzufinden. Nun wird dieser Prozeß unter den schwierigsten Umständen vor sich gehen. Es sind nämlich mindestens zwei große Staaten zertrümmert und in kleine aufgelöst worden; die geschichtliche Erfahrung lehrt aber, daß die kleinen Staaten sich den Juden gegenüber, sobald deren Zahl ein gewisses Minimum überstieg, am intolerantesten verhielten. Der Großstaat bietet den Juden Raum für wirtschaftliche Betätigung, und bedarf "seinerseits der Energie, des Unternehmungsgeistes und der Rührigkeit des Juden, nach denen der Kleinstaat ein ungleich geringeres Bedürfnis hat, während in seinem engen Räume der Nichtjude den jüdischen Mitbürger als lästigen Konkurrenten empfindet. (Sogar im zarischen Rußland waren ja alle auf das wirtschaftliche und finanzielle Erstarken des Reiches bedachten Staatsmänner entschiedene Gegner der judenfeindlichen Politik.) Dazu kommt, daß der Nationalismus, dieser verbissenste Feind der Juden im letzten Jahrhundert, der vor dem Kriege im Absterben begriffen war, durch den Krieg künstlich zu einer nie dagewesenen Höhe aufgepeitscht wurde und sich' namentlich bei den Emporkömmlingsnationen, die ohne ihr Zutun mitgesiegt haben, während der nächsten Periode auf die brutalste Weise .austoben wird. Jede wird so recht auskosten wollen, was es heißt, Herr im eigenen Hause zu sein, und das kann man bekanntlich am besten schmecken, wenn man jemanden hat, den man straflos peinigen, an dem man unbekümmert seine sadistischen Gelüste auslassen kann. Die sadistischen Triebe bilden ja die wesentlichste psychische Grundlage des Imperialismus und des Nationalismus. Wie die geschichtliche Erfahrung lehrt, tritt er nach einem Kriege bei derSiegernation als Hochmut und Selbstvergötterung auf, als unersättliche Herrschsucht und Ländergier, bei 'der 'besiegten als die Sucht, einen Sündenbock zu finden, auf den man die Schuld der Niederlage abwälzen kann. Die Parteien klagen einander an, aber schließlich einigt sich die große denkfaule Masse auf den Juden als den allein Verantwortlichen. Der Nationalismus wird diesmal den Juden gegenüber um so feindlicher auftreten, als in jedem der neugebildeten Staaten mehrere Natio-

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